Elisabeth Gastautoren

Gastkolumne: ARBEITEN BIS DIE FRUCHTBLASE PLATZT // DIE USA, DAS LAND OHNE MUTTERSCHUTZ

11. Mai 2016
Die wunderbare Elisabeth {bei Instagram lottalove_usa} lebt mit ihrer Tochter in den USA. Wie das so ist, in dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und was für Unterschiede es zu Deutschland gibt – das erzählt sie uns heute. Ganz herzlichen Dank an dich, Elisabeth. 
 
 
Arbeiten bis die Fruchtblase platzt
Amerika, das Land ohne Mutterschutz 
 
 
Ich bin fassungslos. Jeden Mittwoch Vormittag. Da bin ich in der Bücherei. Vorlesestunde für Kinder von 0-2 Jahren. Und da, vor der großen Tür, hüpfen, krabbeln, essen und weinen die Kleinen und warten bis es endlich los geht. Meine Tochter ist fast die Einzige, die mit ihrer Mama da ist. Die meisten anderen Kinder kommen mit ihrer Tagesmutter (in den USA „Nanny“ genannt), denn ihre Eltern haben keine Zeit. Sie müssen arbeiten. 
 
Amerika ist das einzige entwickelte Land auf der Welt, in dem es bis heute noch keine bezahlte Elternzeit, keinen bezahlten Mutterschutz gibt. Hier schuftet eine Schwangere bis die Fruchtblase platzt – und unter Umständen noch danach für ein paar Stunden. Und genau das macht mich fassungslos, wütend –  und dankbar. Dankbar, dass ich als Deutsche nicht unter diesem Druck ein Kind bekommen muss. 
 
Was das wirklich bedeutet, in einem Land ohne Mutterschutz zu leben, habe ich im Geburtsvorbereitungskurs realisiert. Da wurden wir Schwangere mit praktischen Tipps ausgestattet. Ab der 34. Woche sollten wir einfach immer ein paar Wechselklamotten und Handtücher dabei haben. Wenn dann während der Arbeit die Fruchtblase platzt, könne man sich umziehen und ein Handtuch auf den Stuhl legen. Oft setzten ja die Wehen erst ein paar Stunden später ein. Wenn diese dann nicht mehr auszuhalten seien, sollte man natürlich ins Krankenhaus gehen. Ich dachte wirklich erst, die Hebamme macht einen komischen Witz. Doch das war leider keiner. Und. Ich. War. Sprachlos.
 
Und so muss die Frau, die sich entscheidet ein Kind zu bekommen, eben in den sauren Apfel beißen – und einfach irgendwie klarkommen. 
 
Drei Monate Mutterschutz sind von den meisten US-Unternehmen ab einer bestimmten Größe  gewährleistet, diese sind dann aber unbezahlt. Und deshalb arbeitet hier jede Frau bis zum Tag der Geburt. Schließlich möchte sie so lange wie möglich frei haben, wenn das Kind da ist. 
 
Denn auch nach der Geburt ist hier jede Neu-Mama ganz schön auf sich gestellt. Hebammen, die vor, geschweige denn nach der Entbindung einem mit Rat, Liebe und Sicherheit zur Seite stehen, gibt es hier nicht. Genauso wenig gibt es Angebote wie Rückbildungskurse.  Das einzige, was ich finden konnte sind „Baby and Me“-Yogakurse, die von vielen Yogastudios angeboten werden. Zumindest in größeren Städten. 
 
So habe ich fast alle meine lieben Mama-Freundinnen kennengelernt. Under anderem auch Debbie. Ich werde nie vergessen, wie mir diese glückliche und vom Schlafentzug gezeichnete Mama sieben Wochen nach der Geburt ihres Sohnes von der Suche nach einer geeigneten Kinderbetreuung erzählte. Mit dem Baby im Arm und Überforderung in den Augen schilderte sie, wie sie verzweifelt jeden Tag Bewerbungsgespräche mit jungen und älteren Frauen aus Mexico, Thailand oder Kenia führte. Jeden Tag die Hoffnung diejenige; die Richtige zu finden. Die, der man das eigene, kleine, hilflose Baby morgens in die Arme legt und ohne Sorge das Haus verlassen kann, um zu arbeiten. Diejenige, der man blind vertraut und das Teuerste anvertraut.  Ich spürte, wie Debbies Mutterherz blutete und bekam allein schon bei dem Gedanken mein drei Monate altes Baby mit jemandem anderen von Montag bis Freitag zurück zulassen einen dicken Kloß im Hals. 
 
Stillen, das war Debbie ganz wichtig, wollte sie weiterhin. Auf die stillende, arbeitende Mutter haben sich die meisten Arbeitgeber in den USA eingerichtet und stellen sogenannte Pump-Rooms zur Verfügung. Ein Raum, indem die frisch gebackene Mutter Milch abpumpt, die dann die Nanny dem Baby am nächsten Tag verfüttert. Welch netter Service. Wie bequem. Wie… fortschrittlich? 
 
Meine Bekannte Hope wollte dies nicht. Sie, eine erfolgreiche Anwältin, kündigte ihren Job, weil es in ihren Augen sinnlos war, dass fast ihr gesamtes Gehalt in die Kinderbetreuung gegangen wäre. „Da bleibe ich doch lieber zu Hause bei meinem Sohn“. Sie musste sich entscheiden. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, blieb ihr keine Wahl. 
 
Wenn ich dann meine Freundinnen erschüttert anschaue und ihnen erzähle, wie das System in Deutschland funktioniert – denken sie, sie hören nicht recht. 
 
Meine Tochter ist jetzt ein Jahr. Seit dem sie 9 Monate alt ist, habe ich wieder angefangen als Journalistin freiberuflich zu arbeiten – und war im US-Bekanntenkreis eine der letzten, die nach Geburt wieder in den Beruf einstieg. Und dann noch nicht mal vollzeit. Während in Deutschland die arbeitende Mutter leider häufig noch als Rabenmutter betitelt wird – übrigens, das Wort „Rabenmutter“ existiert im Englischen nicht – habe ich hier eher fast das umgekehrte Problem: Seit dem meine Tochter drei Monate alt ist, muss ich erklären wieso. Ich. Noch. Nicht. Arbeite. Manchmal fühlte ich mich sogar schlecht. Faul. Dachte: um Himmels Willen, du kannst ausschließlich für dein Baby da sein und es versorgen und machst sonst nichts? Und irgendwann verstand ich: Die Amerikaner kennen es einfach nicht anders und sind erstaunt, dass es Länder gibt, in denen die Familie auch vom Staat anerkannt und unterstützt wird.
 
Nun, ich arbeite also wieder und ich genieße es neben storytime, Play Dates und Babysport wieder etwas anderes zu tun. Meine Arbeit fühlt sich so an, als täte ich etwas für mich. Ich kann meinen Kopf anstrengen, meine Horizont erweitern und verdiene mein Geld. Das ist großartig. Und seit dem ich arbeite, genieße ich noch mehr die Stunden und Tage mit meinem Mädchen.  Doch ich hatte die Wahl und die Freiheit und das bleibt in Amerika den meisten Mamas einfach verwehrt.  Und oft haben die sogar das Gefühl doppelt draufzuzahlen: „Dann kommst Du nach Hause, willst nur noch Dein Baby in den Arm nehmen und dann dreht sich das nur weg und will lieber zur Nanny. Das tut weh. Jedes Mal ein Stich ins Mamaherz“, sagte meine Freundin neulich. 
 
Heute werde ich wieder in die Bücherei gehen und auch diesmal werde ich auffallen als Mama. Ich liebe es, jedes Mal zu sehen, an welches Lied, welchen Reim und an welches Fingerspiel sich meine Tochter erinnert. Auch viele Nannys sind wirklich mit Herzblut dabei. Es gibt aber auch welche, die tippen gelangweilt in ihr Handy. 
 
Vergangene Woche saß dort eine Nanny, die hat die Zeit genutzt, um ein Schläfchen zu halten. Das ertrage ich kaum. Weil ich genau weiß, dass die Mama von dem Kind so viel dafür geben würde, selbst dabei zu sein und mit ihrem Kind das alles zu erleben. 
 
Ich bin fassungslos. Nicht nur jeden Mittwoch Vormittag.
 

 

Das gefällt Dir vielleicht auch

14 Kommentare

  • Antworten Birte S 11. Mai 2016 at 8:43

    Was für ein berührender Post. Wahnsinn, da bin ich wirklich froh, in Deutschland den Mutterschutz und die Elternzeit genossen zu haben. Hätte nicht gedacht, dass es in den USA derart getacket abläuft. Wenn ich mir überlege, ich hätte meinen kleinen Spatz kurz nach der Geburt zur Nanny geben müssen, die dann womäglich noch ein Schläfchen hält währendessen – NEVER!

    Danke für diesen Einblick und die tolle Idee für den Post, auch wenn dieser eigentlich recht traurig stimmt.

    Alles Liebe,
    Birte
    SHOW ME YOUR CLOSET

  • Antworten Fayth 11. Mai 2016 at 11:55

    Klasse Beitrag! Ich finde hier sieht man wieder die seltsame Mentalität der Amerikaner.da wird lieber für die nanny gearbeitet,als selbst daheim zu bleiben und wer den Unsinn darin erkennt wird schief angeguckt.
    Ich finde deinen Stil ganz wunderbar und den Artikel sehr erhellend,gerade in der heutigen Zeit sollte jeder,der sich über das deutsche sozialsystem beschwert,oder über die kinderfeindliche Einstellung in diesem Land jammert,ruhig mal ein bisschen über den Tellerrand,respektive Landesgrenze sehen.

  • Antworten Eva 11. Mai 2016 at 13:20

    Puuhhh, das in Amerika andere Verhältnisse herrschen, habe ich ja schon am Rande mitbekommen. Aber das es so extrem ist, war mir nicht bewusst. Wie schön, dass es in Deutschland anders ist. Und wie schade, dass es in Amerika nicht mehr Möglichkeiten gibt.

  • Antworten Nancy 11. Mai 2016 at 15:34

    Hallo, liebe Elisabeth,
    vielen Dank für diesen spannenden Text. Ich habe als deutsche Mama in den USA ähnliche Erfahrungen gemacht. Vor allem den Rechtfertigungsdruck nur wenige Wochen nach der Geburt („Nein, ich arbeite noch nicht wieder.“) kenne ich nur zu gut.

    Alles Gute für Dich und Deine kleine Familie!

  • Antworten Magdalena Beer 11. Mai 2016 at 21:05

    Sehr, sehr interessanter Artikel! Total super geschrieben! Für mich ganz besonders interessant, da ich eine Nanny, ein Aupair, hier in den USA bin. Wirklich interessant, mal etwas von der anderen Seite zu hören, haben wir Nannys doch so oft das Gefühl, die Mütter haben gar nicht wirklich Lust auf ihr Kind. Sind manchmal irgendwie froh, wenn das Kind weg ist und beschäftigt. Und auch mein Kleiner weint sobald die Mutter auftaucht, was mir jedes Mal aufs Neue total leid tut, aber irgendwie kann ich auch nichts dafür. Schließlich sehe ich ihn 9 Stunden am Tag und die Eltern 2 Stunden. Aber klar, manche haben einfach keine Wahl.

  • Antworten Anonym 11. Mai 2016 at 21:35

    Man braucht da eigentlich gar nicht so weit blicken: auch in der Schweiz ist Mutterschutz nicht so luxuriös wie in Deutschland geregelt. Auch hier arbeitet man in der Regel bis zum Geburtstermin. Nach der Geburt hat man 14 Wochen Mutterschutz. Danach muss man sich entscheiden: entweder wieder arbeiten oder unbezahlt zu Hause bleiben. Elternzeit und Elterngeld gibt es hier nicht.

  • Antworten Anonym 11. Mai 2016 at 22:00

    So ist es. Und nach den 3 oder vier Monaten muss man für die Kinderbetreuung in der Schweiz selber aufkommen. Und die Kitas oder Tagesmütter kosten ganz schön viel.
    Katharina

  • Antworten Claude Brauchbar 11. Mai 2016 at 22:12

    Wow, toller Artikel! Das war mir überhaupt nicht bewusst, dass das in Amerika so abläuft! Wirklich traurig und schade!

  • Antworten Ramona 11. Mai 2016 at 22:39

    So sieht es leider aus, die „wohlhabende“ Schweiz ist absolut Familienunfreundlich. Bald dürfen wir über 2 Wochen Vaterschaftsurlaub abstimmen und schon so viele schreien wieder dem Geld hinterher.

    Ich wurde vor 6 Monaten Mutter und ich bin oft sehr traurig dass ich nicht 100% für meinen Sohn da sein kann. Und es macht mich wütend wenn ich in Deutschland lebende Mütter zuhören muss, wie unmöglich es sei seine Kinder unter 1-2 Jahren fremd betreuen zu lassen. Da darf man sogar lesen, wer sich nicht 2 Jahre um sein Kind kümmern kann sollte keines haben. Aber es gibt Länder, auch solche die gleich nebenan liegen, die nicht den Luxus von 8 Wochen Mutterschutz vor der Geburt, 1-2 Jahre bezahlte Elternzeit, einen gesicherten Arbeitsplatz und vom Staat finanzierte Kinderbetreuung haben.

  • Antworten Karin 12. Mai 2016 at 0:29

    Von einer Bekannten, die in den USA wohnt, weiß ich, dass viele nicht einfach für eine Nanny arbeiten, sondern aus Angst ihren Job, der oftmals Existenz bedeutet, nicht zu verlieren. Einfach furchtbar, dass es keine Elternzeit und Unterstützung des Staates gibt.

  • Antworten Anonym 12. Mai 2016 at 2:49

    Liebe Magdalena, Danke für Dein Feedback. Und, Du hast recht: ich kenne auch wenige Mütter, die es scheinbar ganz gut finden, dass ihre Kinder bei Nanny oder Au-pair unterkommen. Ich glaube aber, dass das doch die Ausnahme ist. Die meisten Mütter wollen eigentlich nur ein: bei ihrem Baby sein. Liebe Grüße an Dich und noch ein großartiges Jahr hier in Amerika. Genieß es!!! Elisabeth

  • Antworten Anonym 12. Mai 2016 at 2:53

    Liebe Magdalena, das stimmt. Ich kenne auch Mütter, bei denen ich das Gefühl habe, sie parken ihre Kinder eigentlich ganz gerne bei einer Nanny. Das sind aber wirklich nur vereinzelt welche. Die Mehrheit der Mütter nur eins möchte: bei ihrem Baby sein, für alles Geld der Welt. Genieß Dein Au-pair-Jahr! Alles Liebe, Elisabeth

  • Antworten Anonym 17. Mai 2016 at 8:06

    Nur eine kleine Randnotiz:
    Wenn du selbstständig bist interessiert sich in Deutschland auch niemand für deinen Mutterschutz …

  • Antworten KimausderKrachmacherstraße 3. Juli 2016 at 2:52

    Dieser Beitrag hat mich dazu inspiriert, meine Hausarbeit eben über genau dieses Thema zu schreiben. Der Vergleich von Mutterschutzbedingungen in Deutschland und den USA. Ich finde es erschreckend, welche große Unterschiede es zwischen diesen beiden Ländern gibt und muss ehrlicherweise zugeben, dass mir dieser Zustand vor dem Lesen dieser Kolumne gar nicht so richtig bewusst war. Da ich momentan noch in der Recherche für Literatur bin, habe ich eine Frage an dich, liebe Elisabeth: Hast du Tipps für Bücher, Broschüren, usw? Liebe Grüße, Kim

  • Schreibe eine Nachricht