Familienleben Family Kolumne

GASTKOLUMNE // WENN KINDER INSTRUMENTALISIERT WERDEN

27. Juli 2016

PAS, Entfremdung eines Elternteils. Leider geschieht das nicht selten. In Zeiten von Trennungen sind sich Eltern oft nicht mehr eins und so versuchen sie zum Teil, den Ex-Partner mithilfe der Kinder zu verletzen. Sie entfremden die eigenen Kinder von ihrem Vater oder der Mutter. Die liebe Leonie, bei Instagram findet ihr sie HIER, schreibt heute über PAS. Ein wichtiges Thema. Auch wenn man sich als Paar vielleicht nichts Gutes mehr zu sagen hat, bleiben die Kinder die Gemeinsamen und in dieser schweren Phase sollten sie unterstützt und nicht manipuliert werden. Dazu aber nun mehr von Leonie.

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PAS  – Wie Kinder nach einer Trennung oder Scheidung von einem Elternteil entfremdet werden

PAS – so lautet die in Deutschland leider noch immer nicht anerkannte Abkürzung für das Parental Alienation Syndrom – die Eltern-Kind-Entfremdung.

Im Zuge eines Fachvortrages meiner Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin habe ich mich mit dem, in Deutschland noch sehr unbekannten Thema, beschäftigt und möchte gern über dieses Phänomen aufklären, damit es bekannter und somit besser behandelt werden kann.

PAS bezeichnet eine Ablehnungshaltung des Kindes gegenüber eines Elternteils, dabei ist zu bemerken, dass diese Ablehnung häufiger dem Vater gegenüber geäußert wird.

Ich möchte damit nicht stigmatisieren und behaupten, dass die Mütter die häufigeren Entfremderinnen sind, Studien belegen dies jedoch. Der entfremdende Elternteil versucht mit allen Mitteln, das Kind zu manipulieren, es einer Gehirnwäsche zu unterziehen, und somit zu erreichen, dass es sich von dem anderen Elternteil abwendet – also im Laufe der Zeit auch entfremdet. 

Die Ablehnungshaltung des Kindes ist unterschiedlich stark ausgeprägt, man spricht jedoch nur von einer Ablehnung, wenn diese über einen längeren Zeitraum hinweg oder andauernd stattfindet, wenn das Kind eine unangemessene und irrationale Haltung gegenüber des Elternteils entwickelt und wenn ein Einfluss des entfremdenden Elternteils nachzuweisen ist.

Diese Nachweise sind sehr schwierig, dies ist auch ein Grund, warum PAS so selten erkannt wird.

Eine Entfremdung kann weniger stark oder auch sehr ausgeprägt stattfinden, je nach Ausübung reichen die Folgen bis hin zu einer psychischen Traumatisierung im Kindesalter, aber auch im Erwachsenenalter der betroffenen Person.

Warum aber entfremdet überhaupt ein Vater sein Kind von der Mutter oder eine Mutter ihr Kind vom Vater?

Die häufigsten Gründe sind, leicht zu erklären, Sorgerechtsstreitigkeiten zwischen Mutter und Vater. Ist das Ende einer Ehe oder Partnerschaft nicht mehr aufzuhalten, beginnen sehr häufig Konflikte über Hab und Gut, aber auch über den Umgang mit den Kindern.

Auch Hass und Rache können eine Ursache für eine Entfremdung sein, der Entfremder versucht seine Macht gegenüber dem (Ex-) Partner auszuspielen, Grund dafür sind häufig Betrug oder Fremdgehen des anderen. Das Kind wird als Machtmittel missbraucht, um sich am Partner zu rächen und ihn (seelisch und psychisch) so zu verletzen, wie man selbst verletzt wurde.

Natürlich entstehen bei einer Scheidung oder Trennung, bei denen es auch immer um den Umgang mit den Kindern geht, Verlustängste, die bis hin zu einer Paranoia führen können, das Kind wird als Privatbesitz angesehen, das man dem (Ex-) Partner nicht mehr anvertrauen möchte.

Es wird deutlich, dass das PA-Syndrom ein ernst zunehmendes Thema darstellt, leider kennen viele Menschen dies nicht und deuten die Syndrome des Kindes falsch oder gar nicht.

Deshalb liegt es mir am Herzen, einige dieser Syndrome vorzustellen und damit eventuell zu erreichen, dass PAS schneller erkannt werden und der Prozess der Entfremdung gestoppt werden kann.

Unbegründete Zurückweisung/ Ablehnung: Der entfremdete Elternteil wird zurückgewiesen, abgewertet und beschimpft. Dabei ist das Kind immer frei von Schuldgefühlen. Es blendet frühere, positive Erlebnisse komplett aus und beschränkt sich auf negative Anschuldigungen, wie zum Beispiel der Vorwurf „Du manipulierst mich.“ Auf Nachfrage des Elternteils reagiert das Kind mit innerer Anspannung und kann die Antwort nicht konkretisieren.

Absurde Rechtfertigungen: Kinder erfinden unlogische und absurde Begründungen für ihre Ablehnungshaltung. Dabei beziehen sie sich häufig auf alltägliche Ereignisse, wie zum Beispiel, dass sie immer den Müll runter tragen müssen, oder die Mutter/ der Vater sie nicht warm genug angezogen hat.

Für den Entfremder reichen solche Aussagen, um das Kind von seinem (Ex-) Partner fern zu halten.

Fehlen von normaler Ambivalenz: Normalerweise führen Menschen ambivalente Beziehungen zu ihrem Gegenüber. Diese zeichnen sich dadurch aus, dass man einige Eigenschaften des Gegenübers mag, und andere eher weniger wertschätzt.

PAS-Kinder führen eine ambivalente Beziehung zu ihren Eltern. Das bedeutet, dass die Mutter beispielsweise für sie nur positive, der Vater im Gegenzug nur negative Eigenschaften besitzt; dies kann natürlich auch andersherum vorkommen.

Diese Spaltung des „Person-Schemas“ ist eine typische Reaktion bei PAS.

Reflexartige Parteinahme für den programmierenden Elternteil: Das Kind übernimmt, sogar ohne, dass über den programmierenden Elternteil gesprochen wird, Partei für diese. Dies geschieht sowohl bei Familienangehörigen, als auch bei Freunden der Familie.

Die Vorwürfe, wie zum Beispiel, dass die Mutter/ der Vater immer lügt, kann ein Kind auf Anfragen nicht konkretisieren. Hier finden sich Parallelen mit der unbegründeten Zurückweisung des Kindes.

Ausweitung der Ablehnung auf die gesamte Familie und das gesamte Umfeld des zurückgewiesenen Elternteils: Neben dem entfremdeten Elternteil lehnt das Kind sowohl Großeltern, als auch Freunde aus dem persönlichen Umfeld der Mutter/ des Vaters ab, obwohl es zu diesen vor der Entfremdung eine positive Beziehung führte.

Hier wird deutlich, dass das Kind sich in einer tiefen „Spannung und Zerrissenheit“ befindet.

Das Phänomen der „eigenen Meinung“: PAS-Kinder besitzen keine eigene Meinung, sie geben verlässliche Antworten, um Mutter oder Vater als Entfremder/in zufrieden zu stellen. Sie wissen, dass ihre Antworten richtig sind und erfahren Zustimmung und Wertschätzung durch die Mutter/ den Vater. Dieses Verhalten wirkt sich sehr negativ auf die eigene Wahrnehmung der Kinder aus, da sie dieser nicht mehr vertrauen oder sie benennen können.

Mütter und Väter, die ihre Kinder entfremden, erzwingen die „eigene Meinung“ der Kinder, indem sie ihnen „double-blind messages“, Doppelbotschaften senden. Verbal drücken sie zwar aus, dass das Kind ruhig mit seiner Mutter/ seinem Vater gehen soll, nonverbal zeigen sie dem Kind aber ganz genau, dass es dies besser nicht tun sollte. Dadurch entstehen verlässliche Antworten der Kinder, um den Verlust der Mutter oder des Vaters nicht zu riskieren.

Als ich mit meinen Recherchen über PAS begann, war es für mich schwer vorstellbar, dass Kinder wirklich solche Phäomene zeigen, doch genau für dieses Verhalten entwickeln die Entfremder bestimmte Techniken, die bei leichtgläubigen, naiven und vor allem so von den Eltern abhängigen Kindern funktionieren.

Diese Techniken reichen von Androhungen von psychischer und körperlicher Gewalt über irrationale Abwertungen des (Ex-) Partners gegenüber dem Kind, Umgangsboykott oder Kontaktverbote zum anderen Elternteil bis hin zu Weitergabe von Fehlinformationen an den entfremdeten Elternteil.

Sehr häufig ziehen der Entfremder und das Kind in eine andere Stadt, weit weg vom entfremdeten Elternteil, sodass es diesem immer schwerer fällt, Kontakt zu seinem Kind aufnehmen zu können. Reist man nun an einem Wochenende hunderte Kilometer in die neue Heimatstadt des Kindes, so erfährt man wenige Minuten vor dem geplanten Treffen, dass das Kind angeblich krank sei, spontan verabredet sei.

PAS hinterlässt nicht nur Spuren bei den Kindern – sondern auch bei den entfremdeten Elternteilen.

Viele befinden sich in einer hilflosen Lage, da viele Menschen PAS nicht kennen, glauben sie dem entfremdeten Elternteil nicht, nehmen ihn nicht ernst, haben kein Verständnis für seine Sorgen und Ängste.

Um den Kontakt zum Kind halten zu können, oder dies zumindest zu versuchen, unternehmen Eltern häufig das Unmögliche – und vernachlässigen dabei sich selbst, das persönliche Umfeld aber auch den eigenen Berufsalltag, was wiederum zu neuen und vor allem psychischen Problemen führen kann.

Eltern versuchen vieles, um ihr Kind zu Gesicht zu bekommen – wie schlimm allein ist auch nur schon die Vorstellung, dass einem der Kontakt zum eigenen Kind verwehrt wird. Dass dann aber spontane Besuche, Telefonate oder andere Bemühungen so umgedreht werden, dass sie dem Entfremdeten auch noch schaden, weil ihnen Stalking und Nachstellung unterstellt werden, ist schwer vorstellbar und auch sehr schwer zu verkraften.

Laut §1684 des Bürgerlichen Gesetzbuches hat das Kind Recht auf Umgang mit jedem Elternteil, außerdem ist jeder Elternteil zum Umgang mit dem Kind verpflichtet und berechtigt.

Zudem haben die Eltern alles zu unterlassen, was das Verhältnis des Kindes zum jeweils anderen Elternteil beeinträchtigt oder die Erziehung erschwert.

Da PAS sehr schwer zu erkennen und zu verfolgen ist, sind viele Anwälte machtlos gegen die Machenschaften einzelner Elternteile. Auch die fehlende Anerkennung des Syndroms in Deutschland erschwert die Ermittlungen in einer solchen Sache.

Fest steht, dass PAS enorme Probleme und Beeinträchtigungen beim Kind auslösen können. Dies kann sowohl schon im Kindesalter, aber auch erst später im Erwachsenenalter auftreten.

Die Auswirkungen können sich in Form von Angst, Unterwerfung und Abhängigkeit gegenüber des Entfremdenden und Anpassung an diesen zeigen und schlussendlich auch einen Beziehungs- und Kontaktabbruch zum entfremdeten Elternteil inklusive dort lebender Geschwister, Großeltern und anderen Familienangehörigen mit sich ziehen. Dadurch entsteht eine fehlende Verwurzelung zu diesem Elternteil, das Kind verdrängt die auftretenden Schuldgefühle.

Diese negative und vor allem irrationale Sichtweise auf den entfremdeten Elternteil ist für das Kind schlimmer, als den Verlust dieses Elternteils durch den Tod ertragen zu müssen. Dieser psychische Druck, dem die Kleinsten von uns ausgesetzt sind, ist schwer vorstellbar und schon für uns schwer zu ertragen. Wie muss dies dann bloß für ein Kind sein?

Es weiß, dass seine Mama oder sein Papa existiert und ist sich im Umkehrschluss aber auch bewusst darüber, dass es keinen Kontakt zu ihr oder ihm haben darf, weil es sonst die Beziehung zu dem Elternteil riskiert, bei dem es lebt.

Diese Auswirkungen führen zu Verwirrungen in der Selbst- und Fremdwahrnehmung des Kindes, außerdem unterdrückt es die Autonomie und das Selbstwertgefühl. Dadurch wird die komplette Entwicklung des Kindes gestört, viele der Kinder haben mit Persönlichkeitsstörungen, Angsterkrankungen und im späteren Alter auch mit sexuellen Störungen zu kämpfen.

Laut Artikel 6 des Grundgesetzes stehen die Ehe und die Familie unter dem besonderen Schutz der staatlichen Ordnung.

Es liegt auch an uns Mitmenschen, an Familienangehörigen, Freunden, Bekannten, Lehrern, Erziehern, Sozialarbeitern und allen Menschen, die mit Kindern und ihren Eltern in Kontakt stehen. Wir sollten sensibel werden für die Belange von Kindern und Elternteilen und nichts schön reden, wenn es nicht so ist.

Meiner Meinung nach wird es dringend Zeit, dass PAS in Deutschland anerkannt und dadurch auch bestraft werden kann.

Wie viele Kinder und Eltern unter diesem Syndrom leiden müssen, ist schwer zu sagen, ich vermute aber, dass es viel zu viele in Deutschland und auf der ganzen Welt sind.

Falls ihr euch noch weiter über das Thema PAS, Entfremdung und die Auswirkungen davon informieren möchtet, kann ich euch sehr den Film „Der entsorgte Vater“ von Douglas Wolfsperger empfehlen, der das Thema Entfremdung anhand von einigen persönlichen Beispielen erklärt.

 

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8 Kommentare

  • Antworten Kerstin 29. Juli 2016 at 9:47

    Danke für diesen Text!

    • Antworten Janina 30. Juli 2016 at 2:49

      Danke an Leonie, die sich mit diesem Thema intensiv beschäftigt hat. Ich finde diesen Beitrag so so wichtig.
      Es ist nach Trennungen leider fast schon Alltag, dass Kinder instrumentalisiert werden. Und ich bin mir sicher, oftmals sind sich die Elternteile dem nicht einmal bewusst. Kinderseelen zerbrechen daran.

  • Antworten Katharina 29. Juli 2016 at 10:45

    Wahnsinnig interessant und ja, es wird viel zu wenig berücksichtigt. Danke, für diesen Artikel.

    • Antworten Janina 30. Juli 2016 at 2:50

      Leonie habe ich zu danken.
      Ich finde, es ist so ein wichtiges Thema. Denn leider geschieht es nicht selten. Das ist traurig und ganz besonders schlimm für die Kinder. Ich selbst kenne einen Fall, wo es so weit getrieben wird, dass der eine Elternteil kaum noch eine chance hat, egal wie sehr sich der Teil bemüht.

  • Antworten kdot 31. Juli 2016 at 18:51

    Janina, darf ich dir sagen, dass ich dich ganz besonders mag? Dass du nie vergisst, anderen geht es schlechter und deinen Blog auch dazu nutzt das zu verbreiten- das macht die outfitposts und kleinen Alltagssachen die es hier oft gibt umso köstlicher.
    Die meisten mum Blogs sind für mich ehrlich gesagt hate reads, bei denen ich nur wissen will, wo die Jeans her sind.
    Deinen lese ich, weil du ein guter Mensch bist (und dadurch mijonen mal interessanter als die ganzen anderen übrigens).
    Danke (dass du mir verrätst, wo die Strickjacken her sind, wie sich der Wagen fährt und, dass du mich oft zu Tränen rührt.

  • Antworten Kathi Reser 3. Oktober 2016 at 4:29

    Liebe Janina, ganz toller Beitrag! Ich finde es sollte aber auch ergänzt werden, dass man nicht bloß wegen eine gemeinsamen Kind eine Beziehung aufrecht erhalten sollte. Wir haben das lange Zeit gemacht und die ganzen Streitereien haben der Kleinen mehr Angst eingejagt, als die Trennung. Bis es zur Trennung kam war es allerdings ein harter Brocken, wir haben lange Zeit überlegt und diskutiert und immer wieder wieder wegen unserer Tochter irgendwie zusammengefunden. Naja, dann habe ich eines Tages mein Horoskop gelesen, nachdem ich durch Zufall auf schicksal.com gelangt bin. Der ganze Optimismus im Bezug auf meine Zukunft gab mir die Kraft, die Trennung doch durchzuführen. Es war wirklich der beste Schritt für uns alle. Da wir keine fixen Zeiten wollten, zu denen ein Partner das Kind hatte, regelten wir das immer spontan. Unsere Tochter lebt grundsätzlich bei mir, aber der Papa holt sie oft vom Kindergarten ab und verbringt den Nachmittag mit ihr, oder kommt zu am Wochenende zu uns, damit wir einen Ausflug machen. Für uns is das kein Problem, wir mögen uns, aber wir lieben uns eben nicht mehr. Die grundsätzliche örtliche Trennung besserte unser Verhältnis zueinander. Liebe Grüße, Kathi

  • Antworten Kasel 27. März 2017 at 10:34

    Ich muss sagen das ich das Beruflich schon öfters miterlebt habe und das sehr traurig finde da man eig. an das wohl des kindes in so einer situation denken sollte. Dennoch finde ich das man keine beziehung für das Kind vorspielen sollte.

  • Antworten ortega 26. September 2017 at 6:23

    Als Vater habe ich es genauso erlebt und musste mitansehen, wie Jugendamt, Erziehungsberatungsstelle und schlussendlich das Familiengericht eine entfremdende Mutter unter Denkmalschutz stellten. Das Recht der Kinder auf den geliebten Papa (viel seltener ist es die Mama) wird in Deutschland hunderttausendfach mit mit Füßen getreten. Ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft, die sich in großen Lettern „Familie“ auf ihre Fahne schreibt.

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