Family Kolumne

KOLUMNE / KINDER ZWISCHEN ARM UND ELITÄR

10. Juli 2016

 

Statussymbol Kind

Kinder sind nicht mehr nur Kinder. Es sind echte Wunschkinder. Man entscheidet sich heute ganz bewusst für ein (weiteres) Kind. Kinder zu haben ist in der heutigen Zeit immer mehr auch ein Statussymbol.

„Kinder brauchen nur Liebe!“. Ja, das stimmt – zum Teil. Aber mit Liebe allein bekommt man sein Kind heute schon lange nicht mehr groß. Es fängt bereits mit der Kinderbetreuung an. Diese ist in vielen Bundesländern fast unerschwinglich. 400 Euro für einen Krippenplatz? Keine Seltenheit. Der Druck lastet auf den Eltern. Auf den Eltern allein.

Allein mit Kind macht arm!

Die Schere klafft immer weiter auseinander. Arm und reich, die Mittelschicht scheint zu schwinden. Immer mehr alleinerziehende Mütter bestreiten ihren Lebensunterhalt allein, oder sagen wir, sie versuchen es. Denn das Wort alleinerziehend fällt immer häufiger auch zusammen mit dem Wort Armut.  Alleinerziehende Mütter (und auch Väter) kämpfen nicht selten um ihre finanzielle Existenz. Denn, allein mit Kind macht arm. 1,6 Millionen Deutsche sind alleinerziehend. Jede Zweite von fünf Alleinerziehenden bezieht Hartz 4. Ja, zwei von fünf Alleinerziehenden. Da bleibt einem schon mal das Körnerbrot im Halse stecken.

Armut in Deutschland, vor der eigenen Haustüre, nicht fern. Du braucht gar nicht weit weg, um das zu erleben. Nein, wir haben es hier, direkt vor unserer Nase. Das mag aber keiner hören.

Kinder werden in ihre Familie mit mehr oder weniger Geld und Bildung hineingeboren und haben kaum eine Chance auszubrechen. Stallgeruch.

Stallgeruch?

„Wusstest du, dass Vanessa in Stadtteil XY wohnt, im Ghetto?“ sagt das eine adrett gekleidete Schulmädchen in die Runde, „So schaut die auch aus!!“ antwortet eine ihrer Freundinnen. höhnisch Alle lachen. Und dann geht das Gemetzel weiter. Vanessa scheint aber nicht in der Nähe zu sein, sie kann sich nicht zur Wehr setzen und sich verteidigen. Genau so wenig kann sie wohl etwas dafür, dass sie nun einmal in Stadtteil XY wohnt und überhaupt – was genau sagt das über sie aus?! Nichts!

Eltern planen heute präzise genau, wann der richtige Zeitpunkt für ein Kind wäre. Können wir uns ein Kind überhaupt leisten, wie lange bleibt einer von uns zu Hause. Brauchen wir dann ein neues, familientaugliches Auto – einen Kombi, einen SUV? Welchen Kindergarten das Kind besuchen soll, das steht oftmals schon kurz nach der Geburt fest. Es werden keine Kosten und Mühen gespart. Kinder werden gefördert und herausgeputzt. Adrett in Markenkleidung sitzen sie im Reboarder im Mama-Mobil und werden vom Schwimmen zur musikalischen Früherziehung gefahren. Mütter verwechseln die Kindererziehung schon fast mit einem Wettkampf. Anders schaut es bei Eltern bzw. Müttern mit weniger finanziellen Mitteln aus. Da übersteigen die Gebühren für Kurs XY schon fast das Budget, welches für die gesamte Freizeitplanung für den Monat eingeplant ist. Die Kinder haben geringere Chancen, auf Grund ihrer sozialen Klasse. Sie werden nicht den bilingualen Kindergarten oder die Waldorfeinrichtung besuchen, sie werden nicht auf die elitäre Schule gehen, auf der die engagierteren Lehrer angestellt sind. Engagierter deshalb, weil der Dienst eines Lehrkörpers an einer privaten Schule immer mehr als eine Dienstleistung wahrgenommen wird.
Dieses Kind wird es auch schwerer haben, ein Studium zu absolvieren und selbst später im Job, haftet der Stallgeruch noch an. Nicht immer, aber doch nicht selten.

Allen Kindern die gleichen Chancen

Ich bin ehrlich, auch unser Mädchen sollte ab der 5. Klasse auf eine Privatschule. Nach einer Bewerbung samt Vorstellungsgespräch, bekamen wir keinen Platz. Surprise. Zwischen all den herausgeputzten Müttern kamen wir als geschiedenes Elternpaar anscheinend nicht ganz so gut an und konnten nicht überzeugen. Ich sah sie im Geiste, wie sie die Akte zur Seite legte. Mein Einser-Mädchen, klug und sozial, engagiert und liebenswert. Dumm gelaufen, nicht für uns, dumm für sie. Und ich bin weiter ehrlich – ich bin rückblickend so so glücklich darüber. Weil Anni nun die Möglichkeit hat, sich in einem gesunden Rahmen zu entwickeln. Kein Stallgeruch, eine bunte Mischung. Das tut ihr gut, das tut allen Kindern gut, das wünsche ich jedem Kind.

Ich wünsche jedem Kind, ein Leben ohne Armut. Ein sorgenfreies Leben. Ich wünsche jedem Kind Bildung, im gleichen Maße. Liebende Eltern, aber auch mehr Akzeptanz in der Gesellschaft. Kinder sind ein Spiegel ihrer Eltern. Sind wir ihnen ein gutes Vorbild und zeigen, dass es keine Zwei-Klassen-Gesellschaft gibt.

Geben wir allen Kindern die gleichen Chancen. Sie haben es verdient, alle.

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18 Kommentare

  • Antworten Ayla 10. Juli 2016 at 9:03

    So schön geschrieben! Ich komme selber aus einer Arbeiterfamilie und bin die erste die studiert, das ist ganz schön hart manchmal. Ganz abgesehen von der finanziellen Situation (Bafög ist ein Arschloch) ist es bei mir häufig auch das Lernen, die Freizeit, das was meine Eltern nie erlebt haben. Aber ich kämpfe weiter!
    Danke für deinen Beitrag(:

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 1:53

      Liebe Ayla, ich musste auch immer arbeiten. Meine Eltern haben mich schon früh dahingehend erzogen, dass von nichts eben auch nichts kommt. Das mag manchmal hart und in jungen Jahren auch „ungerecht“ erscheinen. Aber es lohnt sich, man hat eine andere Wertschätzung und man ist stolz auf seine Leistungen – weil man eben weiß, was man dafür getan. Halt durch. Du kannst sehr stolz au dich sein.

      Mein Jura-Professor begrüßte uns damals mit folgenden Worten: „..und wenn hier jemand im Vorlesungssaal sitzt, der meint, er müsse neben dem Studium arbeiten gehen – der kann jetzt aufstehen und gehen. Der wird es nicht schaffen!“ Ich war damals so wütend, diese Worte haben mich unfassbar wütend gemacht. Gerade die Leute, die arbeiten, um ihre Visionen zu erreichen, genau die werden es weit bringen!

  • Antworten kdot 10. Juli 2016 at 9:32

    danke dafür!
    mein größter hasspunkt an mommy blogs ist, wie die soziale schere nicht mehr wahrgenommen wird. klar wollen wir alles das beste für unsere kinder und wenn frau (oder ihr mann) dafür viele stunden arbeitet, ist es auch total normal das geld unter die leute zu bringen. die perspektive geht trotzdem oft abhanden, und dann wird auf dem blog genörgelt, dass das neue eigenheim keine kücheninsel hat.
    danke also, dass du diese themen auch bedenkst ❤

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 2:09

      Ja, ich glaube, manchmal vergisst man auch einfach, wie gut es einem selbst wirklich geht. Nörgeln und jammern auf höchstem Niveau. Das geschieht wahrscheinlich ganz oft auch unbewusst und deshalb finde ich es wichtig, auch auf Missstände aufmerksam zu machen. Ich für meinen Teil möchte meine Reichweite auch immer für wichtige Themen nutzen. Aufmerksam machen, zum nachdenken anregen. Da ist mir unheimlich wichtig. Denn selbst vor der eigenen Haustüre ist nicht alles rosarot.

      Ich danke dir!

  • Antworten Fee 10. Juli 2016 at 11:04

    Naja.etwas geheuchelt kommt dieser tatsachenbericht schon rüber.denn es sind nicht selten die selbst,die den Kindern das Bild von sozialen Schichten vermitteln.und wenn man dann als Eltern eine Privatschule in Erwägung zieht,kann ich mir kaum vorstellen,dass ansonsten eine vorurteilsfreie,tolerante Meinung gegenüber unbekannten Menschen propagiert.

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 2:06

      Woraus schließt du, dass ich anderen Menschen gegenüber intolerant bin?
      Wäre ich das, würde ich dieses Thema nicht ansprechen – denn ich kann diese Ungerechtigkeit nur schwer ertragen. Ich finde es nicht gut. Ich finde es nicht gut, dass Frauen (und zum Teil auch Väter) teilweise zu wenig Geld haben, um ihre kleine Familie durchzubringen. Dass es Familien gibt, denen es vorne und hinten an Geld fehlt, obwohl beide Elternteile arbeiten. Ich finde es nicht gut, dass diese Menschen von anderen Menschen, denen es besser geht, die sorgenfreier durchs Leben gehen können, diskriminiert werden. Das ist nicht in Ordnung. Und vermutlich geschieht diese Vorverurteilung auch unbewusst. Wer kennt es nicht, dass man manchmal viel zu fix mit seiner Meinung dabei ist. Aber vielleicht überdenkt man seine Einstellung noch einmal, das wäre doch nicht verkehrt? 🙂

      • Antworten Caro 11. Juli 2016 at 10:38

        @ Fee, das war auch mein erster Gedanke.
        Ich gehe mal davon aus, dass sie sich die Schule vorher angesehen, sich informiert und für gut befunden haben . Nach der Absage, die wahrscheinlich eine Enttäuschung war, wird auf einmal alles ins Negative gezogen. (Ein Schelm, der böses dabei denkt). Jetzt wird nach „Fehlern“ gesucht? Es gibt über jede Schule positives wie negatives zu berichten. Unsere Tochter geht auch auf eine Privatschule und wir sind nicht reich, sind aber sehr froh, dass sie auf diese Schule geht.

        • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 11:41

          Naja, wer mosern möchte, der wird etwas finden. 🙂
          Aber nein, ich fand die Schule gut und der Lehrplan ist es noch immer.
          Anni ist jetzt auch auf einer sehr guten Schule, von uns ausgesucht und wir sind so unglaublich glücklich mit dieser Entscheidung, allerdings wird dort viel Wert auf den Zusammenhalt gelegt. Gewisse Dinge werden auch unterbunden und das finde ich großartig. 🙂
          Aber – in diesem Beitrag geht es doch um etwas viel wichtigeres. Schade, dass ihr anscheinend so verbohrt seid, dass ihr dem wirklichen (und wichtigen) Thema gar keine Beachtung schenkt. Schade und traurig. Manche Menschen sind einfach viel zu verbohrt und nicht fähig, über ihren Schatten zu springen.

  • Antworten Ellen 10. Juli 2016 at 13:30

    Naja, bei einer Bewerbung am Privatgymnasium geht es nicht darum wie die Eltern aussehen oder ob sie geschieden sind oder in glücklicher Ehe leben, es geht auch nicht in erster Linie darum wieviele Einsen das Kind auf dem Zeugnis stehen hat. Da geht es schlichtweg ums Geld. Wer sich nicht „locker“ die mehreren Tausend € Gebühren im Jahr leisten kann, ist in der Regel draußen. Da nützt es nichts, sich herauszuputzen und das wohlerzogene Töchterchen mit dem Einserzeugnis vorzuzeigen. Kommt die Hausfrau in Jogginganzug mit ihrem faulen Sohn daher, die aber eben die entscheidende Summe mehr auf dem Konto hat, hat der „faule Dreierschüler“ den Platz…
    Die Wartelisten an Privatschulen sind lang und ohne genug Geld und/oder sehr gute Beziehung wird es nicht besonders leicht…

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 2:01

      Das stimmt so nicht ganz. Bei uns war es ganz offensichtlich, wir haben nicht ins „Konzept“ gepasst. Wir sind geschieden, wir sind nicht der Prototyp „Spießer“. Ich hab nach unserem Bewerbungsgespräch die Tür verlassen und wusste, wir sind raus. Wir hätten uns das Schulgeld locker leisten können. Annis damalige Lehrerin meinte noch, dass sich die Schule ins eigene Fleisch geschnitten hätte, so eine tolle Schülerin und so einen feinen Menschen nicht auf der Schule begrüßen zu wollen. Und sie hat recht. Wir, Annis Papa und ich, sind heute sehr froh, dass wir eine Absage erhalten haben. Kurz darauf setzen Schüler der Schule die Lehrerschaft in einen Drogenrausch. :O

      • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 2:02

        ..und eigentlich möchte ich mit meinen Worten auch nur aufrütteln. Es geht nicht jedem so gut, gerade Alleinerziehende kämpfen. Aber auch Familien haben oft einfach nicht genug Geld und werden ausgegrenzt. Das stimmt mich traurig und ich empfinde das als ungerecht.

  • Antworten Cansu 11. Juli 2016 at 5:42

    Oh Janina wie gerne würde ich dich kennenlernen! Ich finde deinen Beitrag, gerade jetzt wo in sozialen Netzwerken mit dem geprahlt wird, was man alles hat einfach mal genau in der Mitte getroffen! Danke für deine Einblicke und danke für deine Ehrlichkeit!
    Ich bin selbst noch keine Mutter. Wie du schon beschrieben hast, müssen wir uns darüber Gedanken machen, wann der richtige Zeitpunkt dafür da ist.
    Du machst das ganz toll mit deinen Töchtern!

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 11:42

      Ich danke dir. Man muss auch mal diese Dinge beim Namen nennen, finde ich. Denn das ist das Leben. Nicht immer leicht, nicht immer rosig. Manchmal ist es auch verdammt ungerecht.

  • Antworten Susa 11. Juli 2016 at 8:13

    Hier in einer bayrischen Kleinstadt läuft das Anders. Die Armen und Alleinerziehenden bekommen sehr viel Unterstützung. Finanzielle zumindest. Die Reichen brauchen sie nicht und wir, die Mittelschicht, zu der zähle ich mich, kann kämpfen. Ich habe einige alleinerziehende Freundinnen und wenn ich sehe, dass sie für den Sportverein nichts bezahlen müssen, nur 50% Kindergartengebühren oder Mietzuschüsse erhalten oder eine Dame aus dem KiGa bekommt Kleidungsgutscheine, für ein schönes kleines Kindergeschäft in unserem Ort, dann finde ich das gut und freue mich für sie und besonders für die Kinder, ABER in der Summe stehen dieses Familien oft besser da als mein Mann und ich, die wir beide arbeiten gehen.

    Dennoch möchte ich nicht tauschen. Denn was ich dort wirklich sehe ist, wie meine Freundinnen oft leiden, weil sie die Last, die Verantwortung, die Sorgen alleine tragen müssen, dass die Miete alleine bezahlt werden muss oder die Autoreparatur. Im Kindergarten habe ich den Eindruck, dass diese Eltern und Kinder durch die finanzielle Hilfe gleich gestellt sind. Man merkt maximal an den parkenden Autos, dass Jemand mehr hat.

    Auch das Verhalten und der Umgang untereinander in Bezug auf den finanziellen und sozialen Stand ist fair und gleichberechtigt, das kann ich allgemein in unserer Stadt so sagen bzw. empfinde ich es so.

    Bei uns herrscht eher ein reger Wettbewerb, wer seine Kinder am natürlichsten erzieht und ernährt. Es werden regelrechte Hahnenkämpfe ausgefochten, wer die gesündeste Brotzeitbox mitgegeben hat, es wird sich stundenlang vor dem Kindergarten über Superfoods unterhalten und die Kinder in zig verschiedene, pädagogisch wertvolle?! Kurse gesteckt. Da wird eher die Mutter mit Salamibrot ausgegrenzt, als das Kind mit Aldischuhen.

    Allgemein ist die Konkurrenz und das Revierverhalten unter Mütter schrecklich. Du wirst ja auch regelmäßig auf IG damit konfrontiert. Aber ich muss mich hier auch an meine eigene Nase packen und das müssen wir wohl Alle, denn unterbewusst und leider auch oft bewusst, mache auch ich es. Ich vergleiche, bewerte, verurteile. Gott sei Dank fällt es mir meist auf, wenn ich so denke, aber es lässt sich oft nur schwer komplett einstellen…. Und auf Grund meiner Impulsivität denke ich oft mal „Wie kannst du nur?“, anstatt dass ich denke „Also ICH würde das nicht so machen.“

    Jetzt bin ich abgeschweift. 🙂

    Viel Spaß noch mit deinen Mädels!

  • Antworten Sonja Duncan ( Sonni) 11. Juli 2016 at 8:39

    Danke, dass du mit deiner Reichweite auf soziale Missstände aufmerksam machst <3 Fühle dich lieb gegrüßt <3

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 11:36

      Mir ist es persönlich wichtig, diese Möglichkeit auch zu nutzen. Ganz ganz lieben Dank! <3

  • Antworten Lisa 11. Juli 2016 at 10:57

    Es wird immer so sein, dass manche Menschen mehr Geld haben und andere weniger. War schon immer der Fall und wird auch immer der Fall sein.

    • Antworten Janina 11. Juli 2016 at 11:38

      Da hast du Recht. Aber darum geht es doch auch gar nicht. Es geht mir darum, dass man mal über seinen Tellerrand schaut, vielleicht offener wird, nicht so schnell in Schubladen sortiert oder mal über den eigenen Schatten springt. Sich einfach auch bewusst ist, dass es eben Glück ist, wenn es einem finanziell gut geht und die Kinder dadurch viel unbeschwerter durchs Leben können und leichter bessere Bildung genießen können. 🙂

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