Elisabeth Gastautoren Kolumne

LEBEN IN DEN USA // IST DIE KINDERBETREUUNG LUXUS?

20. Juli 2016
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Mittwoch ist Gastkolumnen-Tag auf Oh Wunderbar. Elisabeth ist seit Beginn ein fester Bestandteil. Sie bereichert uns mit wunderbaren Gastkolumnen rund um das Thema Leben in den USA. Wenn ihr also mehr von Elisabeth lesen möchtet, dann schaut euch ihre Kategorie hier auf dem Blog an oder aber ihr folgt ihr auf Instagram {HIER}.

Luxus Kinderbetreuung – warum Amerikas Eltern doppelt draufzahlen

Ihr habt mir viele Rückmeldungen und Kommentare zu meinem Artikel: „Arbeiten bis die Fruchtblase platzt“ geschickt, vielen Dank dafür! Einige von Euch wollen nun wissen, wie die Säuglings- bzw. Kleinkindbetreuung hier in Amerika aussieht. Diese Anregungen nehme ich gern auf, hier also ein paar Beispiele – und schockierende Zahlen.

Kaum ist der Nachwuchs endlich auf der Welt, stellt sich für fast jede amerikanische Mutter sofort eine Frage: wohin mit dem Kind? Denn die meisten müssen schon kurz nach der Entbindung wieder arbeiten. Bezahlten Mutterschutz wie in Deutschland, den gibt es in den USA nicht. Mehr dazu HIER lesen.

Das amerikanische System hat allerdings einen Vorteil. Während Schwangere in Deutschland ihr noch ungeborenes Kind am besten schon heute für einen Traumkindergartenplatz im Jahr 2020 anmelden sollten, lässt sich Betreuung in den USA deutlich kurzfristiger organisieren. Die kostet dann allerdings ein kleines Vermögen!

Ein Platz in einer Kindertagesstätte in einem Vorort von Washington ist ab 1000 Dollar zu haben – pro Monat!
In der Hauptstadt selbst muss man noch mal 1500 Dollar draufschlagen: 2500 Dollar kostet hier ein Platz in einer Daycare. Und wer jetzt denkt, dass es sich dabei um beispielhafte Betreuungsangebote á la Montessori mit Bio-Essen und Holzspielzeug handelt, der täuscht sich! Die meisten dieser Einrichtungen sind vielmehr spartanisch und heruntergekommen, manche gar irgendwo im Keller, ohne Tageslicht. Mit deutschen Kindergärten sind die hiesigen also nicht ansatzweise zu vergleichen. Natürlich gibt es Ausnahmen. Vor allem in größeren US-Metropolen mit internationalen Einwohnern finden sich immer mehr Angebote, darunter auch „exotische“ Montessori-, oder Waldorfkindergärten.

Viele Eltern von Säuglingen oder Kleinkindern unter zwei Jahren entscheiden sich für eine andere Lösung: sie stellen eine Nanny ein. Sie wollen eine Bezugsperson, die bei ihnen zu Hause individueller auf die Bedürfnisse des Kindes eingeht. Auch ist eine Nanny in der Regel flexibler mit den Arbeitszeiten als eine Kindertagesstätte, die feste Öffnungszeiten hat. Diese Betreuungsform ist allerdings noch mal deutlich teurer. In Städten wie Washington DC verlangt eine Nanny um die 20 Dollar/Stunde – bei einer 40-Stunden Woche also 3200 Dollar im Monat. In Orten wie Annapolis (circa eine Auto-Stunde von DC) verdient eine Nanny nur 11 Dollar / Stunde, was immer noch einen Monatslohn von 1760 ergibt. Viele Amerikaner versuchen deshalb, die Kosten wenigstens etwas zu reduzieren. Daraus ergeben sich sogenannte Nanny Shares, bei denen sich zwei oder mehr Familien eine Nanny „teilen“. Es gibt auch Nannys, die bei sich zu Hause eine kleine private Kindertagesstätte aufmachen und dann ca 2-6 Kinder betreuen, was dem Konzept der deutschen Tagesmutter wohl am nächsten kommt.

Die meisten Nannys sind hier in den USA übrigens illegal angestellt, manche sind gar illegal im Land, haben also weder Papiere noch eine Arbeitserlaubnis! Daran stört sich allerdings kaum jemand, im Gegenteil! Viele sehen dies sogar als Win-Win-Situation. Denn die Nanny zahlt keine Steuern und die Familie einen deutlich geringeren Stundenlohn – Schwarzarbeit eben.

Doch was passiert, wenn es zu einem Notfall kommt? Wenn das Kind stürzt und ins Krankenhaus muss? Zögert die Nanny dann, einen Krankenwagen zu rufen oder in die Notfallambulanz zu fahren? Schließlich muss man bei Ärzten und Krankenhäusern Papiere vorlegen. Papiere, die sie nicht hat. Die illegale Beschäftigung ist aber auch für die Nanny selbst riskant. Der offensichtlichste Nachteil: Ihr wird keine Krankenversicherung gezahlt. Und so können ein Arbeitsunfall, ein Krankheitsausfall oder zusätzliche Arztbesuche schnell zu einer finanziellen Notlage führen.

Was aber tun Familien, wenn dann das zweite Kind kommt? Eine amerikanische Freundin von mir hat einen 15-Monate alten Sohn und erwartet in ein paar Wochen ihr zweites Kind. Das freudige Ereignis ist jedoch gleichzeitig eine gewaltige finanzielle Herausforderung. Denn eine legal und offiziell beschäftigte Nanny verlangt für die Betreuung von zwei Kindern hier in Washington DC 34 Dollar / Stunde. Zahlt ihr die Familie auch noch die Krankenversicherung, summieren sich die Kosten für die Kinderbetreuung bei einer 40-Stunden-Woche auf stolze 5940 Dollar im Monat!

Angesichts solcher Summen schlackern vielen nicht nur die Ohren, sie müssen unter Umständen schmerzhafte Entscheidungen treffen – etwa für die Kinderbetreuung ihren Lebensstil drastisch einschränken. Etliche amerikanische Mütter, die ich kenne, zahlen ihrer Nanny mehr als sie selbst verdienen. Manch eine empfindet dies als schmerzliches Dilemma: sie will das Kind eigentlich nicht in fremde Hände geben, aber auch nicht ihren Job aufgeben. Und dann reibt sie sich beruflich auf, um den Lohn direkt an die Nanny weiterzureichen! Meine Freundin, bei der Kind Nummer Zwei auf dem Weg ist, hat monatelang hin- und hergerechnet und sich nun schweren Herzens entschieden: sie hat am Freitag ihren Manager-Job gekündigt.

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9 Kommentare

  • Antworten Nicoletta 20. Juli 2016 at 8:36

    Liebe Elisabeth,

    da ich dich noch aus der Grundschule kenne, finde ich deine Beiträge und insbesondere deine Auswanderung in die USA besonders spannend. Mich würde interessieren, ob du dir vor der Auswanderung bewusst warst, welche Kosten auf einen zukommen können, sofern man Kinder bekommen möchte? Des Weiteren würde mich interessieren, in welcher Sprache du mit deinem Kind sprichst, wächst es bilingual auf?

    Vielen Dank im Voraus! 🙂

    • Antworten Elisabeth 20. Juli 2016 at 19:51

      Liebe Nicoletta, wie witzig! 🙂 Ich danke Dir für Deine Nachricht, habe mich sehr gefreut! Und: nein, so genau wusste ich das tatsächlich nicht. Habe das erst mitbekommen, als mir meine amerikanischen Bekannten davon berichteten. Unser Mädchen wächst zweisprachig auf. Zu Hause wird versucht ausschließlich deutsch mit ihr zu sprechen (es gibt nur ein paar Ausnahmen, in denen wir englisch mit ihr reden), da alle anderen um sie herum (Nanny, Freunde, Ärzte, … ) englisch mit ihr sprechen. Wenn wir aber nur mit Amerikanern zusammen sind, sprechen wir natürlich auch Englisch mit ihr. Das klappt bisher super. Sie versteht beides fast gleich gut. Ist sehr faszinierend zu beobachten!! 🙂 Liebe Gruesse an Dich und alles Liebe, Elisabeth

  • Antworten Bini 20. Juli 2016 at 13:28

    Ich finde deine Beiträge hier immer so Interessant, danke dafür! Ich habe 2011/2012 selbst in der Nähe von DC gelebt, in Alexdria um genau zu sein, und war dort Au Pair in einer amerikanischen Familie. Das lief über eine Organisation und war alles absolut legal. Meine Gastmutter erzählte mir ebenfalls von den enormen Kosten für Namnys, weswegen sie sich auch ein Au Pair holte. Da belaufen sich die Kosten monatlich auf etwa 1000 $, also wesentlich günstiger als eine Nanny. Nächsten Monat geht’s für uns endlich wieder nach DC, darauf freuen wir uns schon sehr! Ganz liebe Grüße aus Deutschland! 🙂

    • Antworten Elisabeth 20. Juli 2016 at 20:00

      Liebe Bini, vielen Dank für das Kompliment. Das habe ich auch schon häufig gehört, dass viele Familien sich ein Au-Pair ins Haus holen – da es tatsächlich günstiger ist… Ich hoffe Du hast Alexandira genossen! Ich finde es dort immer wieder toll! Herzliche Grüße an Dich, Elisabeth

  • Antworten Kathrin 20. Juli 2016 at 14:07

    Spannendes Thema! Was mich zusätzlich noch interessieren würde, auch um die horrenden Zahlen besser einschätzen zu können: Wie sehen denn die Einkommen in den genannten Gegenden so aus? Was verdient man so als klassischer Sachbearbeiter oder als Einstiegsgehalt nach einem Studium? Mir ist klar, dass sich das genausowenig pauschal beantworten kann wie hier in Deutschland, aber vielleicht kannst du mal eine Einschätzung geben, ob das Lohnniveau (und analog die Lebenshaltungskosten) eher höher oder niedriger sind als hier in Deutschland?
    Schöne Grüße!

    • Antworten Elisabeth 20. Juli 2016 at 19:58

      Liebe Kathrin,

      Die Einkommen in diesel Gegenden sind leider nicht sonderlich höher als im Rest der USA. Ein Lehrer verdient zum Beispiel im Durchschnitt um die $60.000/Jahr, ein Sachbearbeiter bei einer Versicherung nur ca. $30.000/Jahr. Hinzu kommt, dass in DC, wie in jeder anderen Metropole der Welt, die Mieten unfassbar ansteigen. Die meisten wohnen deshalb in Vororten der Hauptstadt. Viele dieser Menschen mit „normalen“ Jobs, haben dann meist sogar noch einen zweiten um sich das alles leisten zu können. Liebe Grüße, Elisabeth

  • Antworten Linda 21. Juli 2016 at 10:02

    Liebe Elisabeth,

    vielleicht sollte man sich das dann vorher gut überlegen mit dem Kinderbekommen? Warum auch immer Kindergarten, Tagesstätte und Nanny wenn man den ganzen Tag arbeitet und eine 40 Stunden Betreuung für ein Kind benötigt, sollte man sich statt der Frage um die Kosten, mal eher die Frage stellen, ob man dann überhaupt ein Kind braucht?
    Schade, dass dies in der Gesellschaft so wenig getan wird und man sich in D oder USA vielmehr über die Preise aufregt. Meine Mama war nach meiner Geburt 6 Jahre zuhause und ich bin ihr unheimlich dankbar, dass ich mit ihr aufwachsen durfte. Kinder die bereits mit 2-3 Monaten in die Kinderbetreuung kommen, können dies leider nicht sagen.

    Verrückte Welt

    • Antworten Elisabeth 21. Juli 2016 at 21:05

      Liebe Linda, bin ganz bei Dir: gut überlegen sollte man sich, ob man ein Kind haben möchte oder nicht. 😉 auch dass viel gemäkelt wird, ob in den USA oder Deutschland, stimmt. Allerdings haben manche nicht die Wahl, und können nicht so lange beim Kind bleiben – selbst wenn sie es wollten. Sonst würden sie ihren Job verlieren, ihre Berufschancen minimieren sich – und sie verlieren ihre Krankenversicherung… Prinzipiell finde ich aber gilt: eine Mutter sollte die Wahl haben ob sie nach 6 Monaten, oder eben erst nach 6 Jahren wieder anfängt zu arbeiten. Liebe Grüße an Dich, Elisabeth

  • Antworten Claudia 13. Mai 2017 at 22:26

    Liebe Elisabeth,

    Ich bin echt geschockt wie teuer die Betreuung in den USA ist! 😱 Da muss man wirklich gut überlegen ob man sich ein Kind leisten kann. Schade! Wie du schon sagst nicht jeder kann es sich leisten zuhause zu bleiben sei es um nicht seine Arbeit zu verlieren oder einfach weil man auch gerne in seinem Beruf arbeitet. Hab grad zu meinem Mann gemeint das es für mich (bin Erzieherin) sich finanziell sehr lohnen würde bei euch als Nanny/Tagesmutter zu arbeiten. Vor allem bei den Hungerlöhnen was wir in Deutschland bekommen! Von wegen die Kinder sind unsere Zukunft! 🤔

    Alles liebe Claudia

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