Family Gastautoren Kolumne

GASTKOLUMNE // EINE UNERWIDERTE LIEBE

12. Oktober 2016

 

Meine Leserin Jennifer {ihr findet sie HIER bei Instagram} teilt heute Worte, die persönlicher nicht hätten sein können. Aus dem Herzen geradeheraus. Als ich den Text las, spürte ich diesen Kloß im Hals, von dem sie sprach. Ich fühlte den Schmerz und die Tränen. Warum? Weil ich leider viel zu gut mitfühlen kann, wie sich das anfühlt, diese Hilflosigkeit. Aber lest selbst!

‘Ich habe dir etwas gegeben, was du mir nicht zurückgeben kannst. Macht dir das nichts aus?’

Da sitze ich also. In dem Sessel, in einem freundlich eingerichteten Behandlungszimmer. Ich hole tief Luft und meine Therapeutin nickt mir aufmunternd zu. Was hat sie mich nochmal gefragt? Achja. Wie es mir geht. Ich horche mal in mir drin. Stille. Ich kann mich nicht mal mehr dran erinnern, wann es das letzte Mal so still in mir drin war. Trotzdem entscheide ich mich, ihr zu erzählen, was in den letzten Tagen passiert ist.

‘Ich habe all meinen Mut zusammengenommen und die Geschichte mit meinem Exfreund Alex abgeschlossen. Ich habe mich von ihm verabschiedet und das war’s.’ Ich schaue sie an und blicke in ein verwundertes Gesicht. Jetzt bin ich an der Reihe irritiert zu schauen. Hab ich was falsches gesagt?
Genau in dem Moment antwortet sie: „Ehrlich gesagt, finde ich das ziemlich traurig. Ich dachte, es kam immer so rüber, dass er der Mann ihres Lebens ist. Und jetzt ist alles vorbei und sie erzählen das so abgeklärt und distanziert, als wenn es nichts bedeutet hat.“
Nun ist es an mir zu schlucken. Abgeklärt? Ich wollte einfach nur kurz zusammenfassen, was passiert ist. Nicht in Tränen ausbrechen, nicht einen Kloß im Hals bekommen müssen, nichts wegblinzeln müssen. Also sage ich, dass ich keineswegs abgeklärt bin, aber das ich versuche mich selbst zu schützen. Das ich wahnsinnig traurig bin, dass ich verletzt bin und das er mir nicht einmal geantwortet hat. Dass ich ihn am liebsten auf den Mond schießen würde und ihn trotzdem jedes verdammte Mal zurücknehmen würde, wenn er sich nur noch ein einziges Mal für mich entscheiden würde.
Sie nickt noch einmal und bittet mich, ihr zu erzählen, wie unser letztes Gespräch ablief. Ich antworte, dass wir uns wie Freunde verhalten haben. Dass ich nervös war und ängstlich und so einen starken Puls hatte, weil ich wusste, dass wir uns das letzte Mal sehen werden. Am liebsten hätte ich ihn die ganze Zeit umarmt, ihn noch einmal geküsst, an seinem Nacken gelegen und seinen Duft eingeatmet. Hätte durch seine Haare gewuschelt und ein allerletztes Mal seine Hand genommen. Stattdessen sind wir nebeneinander hergegangen, haben uns über belangloses Zeug unterhalten und ich musste mich zusammenreißen, ihn nicht zu schütteln und ihm direkt ins Gesicht zu schreien, warum er nicht merkt, dass wir zueinander gehören. Nach acht langen Jahren, in denen es nie jemand anders langfristig in sein Leben geschafft hat. In dem ich immer vor oder hinter ihm stand und manchmal an seiner Seite, wenn er es zugelassen hat. Ich habe so viel gegeben und es nie bereut.
Wenn ich es so betrachte, war unser letztes Treffen eine Schmach. Ich hatte schon vorab so viel gesagt und er hat auf nichts geantwortet. Obwohl, doch, hat er. In den letzten Jahren hat er mir drei oder sogar viermal gesagt, dass er sich keine Beziehung mehr mit mir vorstellen kann. Und jedes Mal habe ich versucht, ihm zu glauben. Ich bin gescheitert. Haushoch.
Ich wusste nicht, was für eine Kämpfernatur ich bin, bis ich diesen Mann getroffen habe. Einige Monate nachdem wir uns vor Jahren getrennt hatten, habe ich mir geschworen ‘den oder keinen’. Koste es was es wolle.

Viele Männer sind durch mein Leben gezogen, Anzugträger, Smokingträger, Soldaten, Models, Musiker, Lehrer…und doch hat es nicht sein sollen. Nicht, dass ich Alex auf ein Podest gestellt hätte, schließlich ist auch er nicht unfehlbar, aber die Gefühle für ihn, sind einfach nicht verblichen.
Was habe ich geheult, seine Nummer gelöscht und Monate später ging alles wieder von vorne los. Der Kontakt war wieder da und ich hab mich wieder auf ihn eingelassen. Alles in der Hoffnung, dass er doch merkt, wie gut wir zusammenpassen. Das wir ein Team sein können.

Meine Therapeutin schaut mich an. Ich habe wohl ziemlich ausgeholt. Sie reicht mir ein Taschentuch und erst jetzt merke ich, wie doch ein paar Tränen über meine Wange rollen. Ich sage zu ihr ‘Er ist der Mann für mich, mit ihm hätte ich ein Haus gebaut und vielleicht mal Kinder bekommen. Aber ich habe den Kontakt abgebrochen und das ist richtig gewesen. Weil er mich nicht will, er will mich nicht so, wie ich ihn will.’ Und wie erwartet fragt sie mich ‘und wie wollen sie ihn?’ und ich schniefe „an meiner Seite. Er soll nicht meine Kämpfe für mich kämpfen, er soll bei mir sein, wenn ich es tue. Ich möchte morgens aufwachen und mich in seine Armkuhle legen. Oder Frühstück machen. Ich will auch keine gemeinsame Wohnung, ich würde auf getrennte bestehen. Ich möchte, dass er Schlagzeug für mich spielt und dann einfach macht, worauf er Lust hat. Ich muss nicht jeden Tag zusammen verbringen. Ich hab mich verändert und er sieht es einfach nicht.“

So langsam werde ich ehrlich aggressiv. Wohin soll dieses Gespräch führen? Wir brauchen nicht mehr darüber reden, was ich an ihm gewollt hätte oder nicht. Ich hab doch den Schlussstrich schon gezogen. Warum exerzieren wir das jetzt noch? Ich raste gleich womöglich mitten vor meiner Therapeutin aus. Was sie offensichtlich merkt und leise sagt: „Im Gegensatz zu ihnen merke ich, dass das Thema nicht abgehakt ist und sie zwar einen Schlussstrich gezogen haben, aber eigentlich ist die ganze Angelegenheit extrem ungeklärt.“

Ich starre sie an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Ein wenig wünsche ich mir, ich wäre Zuhause geblieben.
Dann sage ich: „Aber glauben sie nicht, dass man irgendwie füreinander bestimmt ist, wenn man so lange Kontakt hat, also nicht so wie eine Freundschaft sondern auch mehr?“. Sie überlegt einen Moment und nickt dann leicht.

„Und glauben sie nicht auch, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient hat?“ höre ich mich sagen. Ich werde mich in Rage reden, fürchte ich, aber ich muss es einfach loswerden.
„Jeder verdient eine zweite Chance und ich habe schon fast jedem Menschen in meinem Leben eine zweite Chance gegeben. Man kann einfach nicht sofort immer alles richtig machen, dafür habe ich selbst schon viel zu daneben gelegen. Und manchmal, da ist man einfach noch nicht bereit füreinander. Da müssen ein paar Jahre vergehen, bis man merkt, dass der Andere einem fehlt. Oder dass man gut zusammenpasst. Oder sich verändert hat. Mit der Person, die ich früher war, möchte ich jetzt auch nichts mehr zu tun haben. Wenn ich Geschichten aus der Zeit höre, dann schäme ich mich. Meinen Eltern, meiner Familie und vor allem Alex gegenüber. Ich weiß, dass es unter anderem tiefergehende Gründe gab, warum ich hier und da so oder so reagiert habe, aber ich wünschte, ich könnte es rückgängig machen….obwohl. Nein, eigentlich nicht. Ich schäme mich zwar, aber es soll alles so bleiben.

Weil ich toll geworden bin. Mein Gott, ich habe Jahre gebraucht, aber ist besser als nie, oder? Ich mag mich. Letztens hat meine Mama noch zu mir gesagt, dass sie stolz auf mich ist, auf den Menschen, der ich geworden bin. Ich bin empathisch, ich bin freundlich und gütig. Ich kann verzeihen und vor allem kann ich lieben. Mein Herz wurde gebrochen, ich habe geliebte Menschen gehen lassen müssen, aber ich bin immer wieder aufgestanden, habe weitergemacht und gekämpft.“

Ich höre auf mein Taschentuch zu kneten und schaue auf. Meine Therapeutin lächelt mich an.

„Ich bin auch stolz auf sie. Für sich selbst zu entscheiden, was für die Psyche gesund ist, ist keine leichte Aufgabe. Aber falls es sie tröstet – sie können sich in zwanzig Jahren gemeinsame Erinnerungen anschauen und blicken dann lächelnd darauf zurück.“

Ich schüttle den Kopf. „Ich habe alles entfernt. Da sind keine Fotos, Videos oder Texte mehr. Ich habe seine Nummer nicht mehr. Warum sollte ich es behalten? Jahrelang habe ich es behalten, in der Hoffnung, nicht wieder dort anzuknüpfen, sondern neue Kapitel zu schreiben. Die wird es nicht geben. Also wozu diese Erinnerungen behalten? Ich bin für ihn austauschbar wie irgendein Wandschrank. Ich werde ihm keinen großen Platz mehr zugestehen. Mein Fehler war es schon, mit ihm ins Bett zu gehen. Ich gebe jemandem die Vorteile einer Beziehung, der gar nicht in einer Beziehung mit mir sein will und das ist doch Wahnsinn. Chaos für meine Seele und Zerrüttung meines Herzens. Und das mit voller Absicht. Wie scheiße blöd konnte ich sein’.

Nun bin ich selbst ein bisschen geschockt über meine Worte, die einfach so rausgerutscht sind. Ich schlage mir die Hand vor den Mund. Hab ich das echt gesagt? Oh je. Nicht, dass ich es nicht so gemeint hätte, aber denken und sagen sind dann doch zwei Paar Schuhe.

Ich starre die Wand an und merke, wie alles vor meinen Augen verschwimmt. Und es ist mir egal. Ich kann hier noch 15 Minuten sitzen und einfach nur die Wand anstarren. Am Rande bekomme ich mit, wie meine Therapeutin den Raum verlässt, um mir Zeit zu geben. Ich nehme es so hin. Es ist mir gleich.
Ich kann nicht mal ansatzweise in Worte fassen, wie sehr mir dieser Mann fehlt. Innerlich merke ich, wie mein toughes Ich anfängt zu bröseln, die Fassade nach außen aber noch unbeschadet steht. Und das wird sie noch lange müssen. Ich schluchze in mein Taschentuch und frage mich, wie lang dieses Gefühl wohl noch andauern wird. Wochen? Monate? Jahre? Jahrzehnte? Werde ich ihn irgendwann vergessen haben? Aber es drängen sich auch Fragen dazwischen…Fragen an ihn, auf die ich nie eine Antwort bekommen habe. Denkst du an mich? Warum siehst du nicht, was ich sehe? Warum hast du mir nicht geantwortet? Hattest du in den letzten vier Jahren mal Gefühle für mich, die du dir und mir nicht zugestehen wolltest? Warum willst du mich nicht mehr? Warum, warum, warum?

Und eine einzige Antwort: Wenn du dich für mich entschieden hättest, ich hätte dich nie wieder verletzt.

Das gefällt Dir vielleicht auch

9 Kommentare

  • Antworten Sophie 12. Oktober 2016 at 19:42

    Liebe Jennifer, ich habe mir gerade deinen Text durchgelesen und habe Tränen in den Augen…
    Ich weiß nur zu gut wie du dich gerade fühlst. Ich bin 5 Jahre durch die selbe Hölle gegangen. Obwohl er mich immer wieder verletzt hat konnte und wollte ich die Hoffnung nicht aufgeben. Vor 2 Jahren kam dann aber der Schlussstrich. Am Anfang hab ich mich gefühlt, als würde ein Teil von mir fehlen. Ich hab ihn, genauso wie du es jetzt auch tust, vermisst und die Welt einfach nicht mehr verstanden. Es war eine harte Zeit. Aber auch da habe ich mich durchgebissen. Ich weiß jetzt, dass dieser Schlussstrich für mich das Beste war und er für mich einfach nicht der Richtige. Klar erwische ich mich oft dabei, dass ich mich frage was wäre wenn ich etwas anderes gemacht hätte, aber ich bin jetzt auch ohne Mann viel glücklicher, als ich es zuvor war. Ich bin zwar noch nicht in der Lage mich auf einen neuen Mann einzulassen aber ich bin auf einem guten Weg. Und wahrscheinlich wird es bei dir genauso sein bzw. genauso werden. Irgendwann werden wir auch den Richtigen finden, denn jeder Topf hat einen Deckel ;). Und dieser jemand wird uns um einiges glücklicher machen!
    Everything happens for a reason 🙂
    Liebe Grüße Sophie
    Ps: Lass den Kopf niemals hängen

  • Antworten Verena 12. Oktober 2016 at 20:13

    Liebe Jennifer, vielen Dank für diesen tiefgründigen Text. Er geht direkt unter die Haut und ich glaube, dass einige Frauen genau das für einen Mann fühlen was du so detailliert beschreibst. Es gibt nichts schlimmeres und schmerzhafteres als unerwiderte Liebe. Man denkt man stirbt und vielleicht tut man das auch. Aber irgendwann wird man wiedergeboren und zwar stärker als je zuvor. Ich sage das aus Erfahrung und ich wünsche dir alles Gute und denk dran, man kann auch aus der Ferne lieben und irgendwann Frieden schließen. Alles Gute und danke für die rührenden Worte

  • Antworten Viola 14. Oktober 2016 at 19:00

    Liebe Jennifer,
    Danke für das Teilen deiner Geschichte mit uns. Es gehört viel Mut dazu, solch Persönliches zu veröffentlichen.

    Vielleicht magst du dich mal über karmische Verbindungen/Dualseelen informieren. Denn ganz gleich, wie spirituell man ist und ob man an so etwas glauben mag, meiner Meinung nach steckt viel Wahrheit darin und deine Geschichte erinnert mich stark daran.
    Alles Liebe!

  • Antworten Tanja 15. Oktober 2016 at 12:26

    Vielen Dank für das Teilen deiner Geschichte. Ich hatte Tränen in den Augen. Mehr kann ich an dieser Stelle gar nicht dazu sagen. Alles Liebe

  • Antworten franzi 17. Oktober 2016 at 11:51

    wirklich sehr bewegend. aber eins verstehe ich nicht. du bist doch schon lang verheiratet, oder? stammt das aus der zeit davor oder ist das ein auszug aus einem buch?

    • Antworten Janina 17. Oktober 2016 at 11:59

      Liebe Franzi,

      das ist ein Gastbeitrag. Der Text ist nicht von mir. 🙂

      • Antworten franzi 17. Oktober 2016 at 12:42

        Das ist ja nett, dass du so schnell anwortest. Habe mich da wohl missverständlich ausgedrückt. Ich meinte nicht dich, denn deinen Blog les ich schon lange, sondern Jennifer. Ich folge ihrem Insta-Account schon länger…

        • Antworten Janina 17. Oktober 2016 at 12:44

          Oh entschuldige, liebe Franzi.

          Dann hab ich es falsch verstanden. Entschuldige. 🙂

  • Antworten MobLa 22. Oktober 2016 at 1:08

    Bin gerade etwas entsetzt…. Der Text hätte von mir sein können. Ich bin gerade in genau dieser Situation. Wir haben uns getrennt – doch es ist nicht wirklich aus…. Ein hin und her….. Ein „ich weiß nicht was das werden soll“. Das ist die zweite Chance – womöglich. Ja, verändert….
    Bin gerade mehr als entsetzt. Zwar habe ich keine Therapeutin, aber Freundinnen, die als solche fungieren 😀
    Ich sehe das so: Man sollte sich nie eine Türe komplett verschließen. Ich würde niemals Fotos oder Briefe wegwerfen – Andenken aller Art. Bin der Meinung, dass ich das auch so verarbeiten MUSS! Und man weiß eben nie, was noch so kommt. Eventuell bereue ich es dann irgendwann? Manchmal denke ich auch, dass wahre Liebe bedeutet, demjenigen nur das Beste zu wünschen. Den anderen dabei zu unterstützen, das Beste für ihn selbst zu tun. Ich selbst bin kein schlechterer Mensch, nur weil ein anderer keine Partnerschaft mit mir möchte. Im Umkehrschluss ist der Andere allerdings auch keiner. Manchmal passt einfach der Zeitpunkt nicht. Manchmal passt es allgemein einfach nicht. Das bedeutet aber nicht, dass jemand einen Fehler gemacht hat. Das bedeutet nicht, dass ein Jemand ein A…. ist. Das bedeutet nicht, dass man etwas zu bereuen hat. Es ist oftmals der Lauf der Dinge. Und dann stelle ich mir die Frage, ob es doch etwas Gutes haben könne – diese ganze Situation. Ob da eventuell doch etwas anderes für mich vorbestimmt sein könnte. Und dann…. Dann bin ich schon wieder fast etwas erfreut und aufgeregt. Verliebt sein – das ist doch etwas wunderschönes. Und vielleicht gibt es doch einen Menschen, der das alles zu schätzen weiß. Der bei mir bleibt, ohne vorher kurz nochmal weggehen zu müssen. Freiwillig. Einer, der handelt, ohne dass ich ihn dazu auffordere. Einen, der mich mal hofiert. Soll es ja geben… Habe ich hier schon gelesen… Hier auf dieser Seite………. 🙂 Wie sagt man so schön. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Wie gut, dass wir nicht wissen, was die Zukunft so bringt. Sonst wäre das alles ja ein recht langweiliges Spiel, nicht wahr?

  • Schreibe eine Nachricht