Kolumne

OH LIFE // AUS DER KRISE ZURÜCK INS LEBEN

2. Oktober 2016

 

Ich mag mich nicht!
Aus der Lebenskrise zurück zu mir

Ich stehe nach dem Duschen vor dem Spiegel, schaue mich an und bin.. Ja, was bin ich eigentlich? Ich mag mich, ich bin angekommen und viele Unsicherheiten, die ich in den letzten 15 Jahren mit mir herumtrug, habe ich abgelegt. Ich kann es gut mit mir aushalten. Tatsächlich. Und noch vor fünf Jahren war das nicht so. Noch vor fünf Jahren war ich die Unsicherheit in Person.

Ich erinnere mich zurück an eine Zeit, in der es mir schlecht ging. In der ich nicht essen wollte. In der ich über jedes Kilo, das ich verlor, glücklich war. Nein, eine Zeit in der ich über jedes Kilo was ich nicht verlor, verzweifelt war. Ich erinnere mich daran, wie unwohl ich mich in meinem Körper fühlte. Ich immer dachte, ich wäre zu kräftig gebaut. Zu viel Po, zu viel Oberschenkel, zu viel Brust. Von allem zu viel. Zu große Zähne, zu wenig Haare, zu viele Muttermale, zu lange Finger, schiefe Knie, ein hässlicher Bauchnabel, eine zu spitze Nase. So gern ich sagen würde, das wäre überspitzt, aber nein, das ist es nicht. Tagtäglich kämpfte ich gegen mich an. Ein innerer Kampf. Sagte man mir, ich wäre schön, kam das nicht an. Ganz im Gegenteil. Es fühlte sich an wie Hohn. Ist das nicht verrückt? Da sagt dir dein Mann, du würdest schön aussehen und du kannst es nicht annehmen. Es bewirkte viel mehr, dass ich mich unwohl fühle. Noch unwohler. Ich erinnere mich noch heute an die Anspannung. Diese Unsicherheit, sie war fürchterlich. Und um diese Unsicherheit zu überspielen, lachte ich immer besonders laut. Lächelte, strahlte, grinste und versuchte, meine Fassade aufrecht zu erhalten. War ich jedoch allein, war ich zutiefst betrübt. Es sind Sätze von Verwandten oder Freunden, in der frühen Jugend, die vollkommen unbedacht ausgesprochen werden und so viel Nachdruck haben. Ein flapsiges: „Iss nicht so viel, sonst findest du später keinen Mann!“, brennt sich ein, wird niemals vergessen.

2005. Ich sitze in dem großen, hellen Zimmer auf einem der weichen Sessel. Ich bin noch allein in diesem Raum und überlege, wieder aufzustehen und zu gehen. Was mache ich hier eigentlich, was? Plötzlich geht die Tür auf, ein älterer Herr setzt sich an den Schreibtisch mir gegenüber und startet die Konversation mit ein wenig Smalltalk. Das Übliche. Haben Sie gut hergefunden, wie geht es ihnen, Sie haben ja Sonnenschein mitgebracht. Ihr kennt das. Er lächelt offen und freundlich, mit seinen vielen Lachfalten schaut er sympathisch aus. Im Laufe der nächsten Stunde fragt er mich etwas, das mich erschüttert. Nicht seine Frage an sich, sonder meine Reaktion darauf.

„Frau X, was finden Sie an sich besonders schön? Was mögen Sie an sich?“

Ich sitze da und schaue ihn an, als hätte er mir die schlimmste aller Mathematikaufgaben gestellt. Ich schaue ihn an, als hätte ich einen Geist gesehen. Ich sitze da, bin still und sacke noch weiter in mich zusammen. Ich grübele, ich möchte gern auf seine Frage antworten, aber es fällt mir keine Antwort darauf ein. Es fällt mir deshalb keine Antwort ein, weil ich rein nichts schön finde an mir. Nichts. Ich spüre, wie sich die heißen Tränen ihren Weg nach draußen erkämpfen. Obwohl ich gegen sie ankämpfe, kann ich nichts tun und sie kullern mir an meinen Wangen herunter. Ich schlucke, ich schluchze, der Damm ist gebrochen. Ich habe verloren.

Er reicht mir die Box mit den Taschentüchern.

„Wir machen es einfacher. Dann sagen Sie mir doch, was sie nicht leiden können!“

Noch immer weine ich, aber dieses Mal sprudelt es nur so aus mir heraus. Ich höre mich aufzählen, was ich alles nicht an mir mag. Bis ich begreife, ich mag mich nicht. Ganz und gar. Ich mag mich nicht. Nichts. Das schockiert mich. So klar habe ich es nie zuvor gesehen. Es war mir nie so bewusst. Es stürzt mich in ein Loch, weil ich denke, ich bin verloren.

Viele viele Stunden, viele Tränen, viel Arbeit später, schaut die Welt anders aus. Ich mag mich. Ich bin smart, ich mag meine schönen Beine, ich mag meine Augen. Ich liebe meinen runden Po. Ja. Ich mag meine Brüste nicht mehr so gern bzw. das, was nach dem Stillen davon übrig geblieben ist. Ich finde meinen Bauch nicht mehr ganz so attraktiv. Und die ersten vier tiefen Falten auf meiner Stirn sind auch nicht das, was ich unbedingt brauche. Ha. Aber das ist in Ordnung. Es beherrscht nicht mehr mein Leben.

Wisst ihr, manchmal steckt man in einer Krise. Und ganz manchmal steckt man so tief drin, dass man es selbst nicht merkt. Manchmal hat man Angst, Hilfe zu suchen. Sich anzuvertrauen, Hilfe anzunehmen. Aber das ist gut, das tut gut und es ist mehr als in Ordnung. Tut euch was Gutes, seid es euch wert und sucht euch Hilfe, wenn ihr sie braucht. Streckt die Hand aus und lasst euch auffangen. Es ist in Ordnung. Krisen gehören zum Leben dazu.

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21 Kommentare

  • Antworten Mimi Wöhe 2. Oktober 2016 at 10:38

    Janina, das hast Du so schön geschrieben und es spricht mir aus dem Herzen. Viele haben immer noch Angst Hilfe aufzusuchen, aber ich finde die größte Stärke liegt im „sich jemanden Anderen, der gar nichts mit dem eigenen Leben zu tun hat, anzuvertrauen“ und sich helfen zu lassen bevor es zu spät ist. Was viele nicht wissen, der Turm wird immer größer! Es gibt Zeiten, in denen es einem nicht gut geht, oft vergehen sie, aber beim nächsten Mal wird es immer ein bisschen schlimmer. Das mußte ich schon zu oft in meinem Freundeskreis erfahren und ich bin so froh, das jeder den Weg zum hellen Zimmer und zum weichen Sessel gefunden hat, den auch oft kommt es anders.
    Es ist jedoch auch noch zu erwähnen, dass auch die Menschen Obacht geben sollten, wie es dem Mitmenschen, den geliebten Menschen, um einen geht und sie einfach zu unterstützen und Ihnen den richtigen Weg zu zeigen!
    Danke Alina, für Deine so schönen Worte!!!!

    • Antworten Mimi Wöhe 2. Oktober 2016 at 18:25

      Oh, gerade entdeckt, ich meinte natürlich Danke Janina für Deine schönen Worte 😉

    • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 19:03

      Liebe Mimi,

      ich danke dir für deine Worte. Danke.
      Manchmal sträubt man sich, denkt, man würde es allein schaffen. Manchmal merkt man vielleicht auch gar nicht, wie schlecht es einem wirklich geht. Mir hat das damals sehr geholfen.

      Ganz liebe Grüße an Dich
      Janina

  • Antworten Eda 2. Oktober 2016 at 14:37

    Liebe Janina, vielen Dank für deinen so ehrlichen und offenen Beitrag. Es ist nicht einfach über solche Themen zu schreiben, aber es sind wichtige Themen und sie gehören zu uns.

    • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 19:05

      Liebe Eda,

      das stimmt wohl. Es fiel mir auch nicht einfach. Aber es ist so wichtig und auch gar nicht verwerflich.
      Und ich bin dankbar, dass meine Leserinnen so respektvoll mit meiner Geschichte umgehen. <3

      Ganz liebe Grüße an Dich
      Janina

  • Antworten Jule 2. Oktober 2016 at 17:01

    Ich liebe deine Kolumnen. Du bist so herzlich und ehrlich, so aus dem Leben heraus.
    Mir geht es ähnlich wie dir „damals“ – ich hoffe irgendwann komme auch ich da wieder raus…
    Aber davon zu lesen gibt etwas Kraft. Danke :*

    • Antworten Janina 2. Oktober 2016 at 18:12

      Liebe Jule,

      ich danke dir von Herzen für deine lieben Worte. Danke. Und ich hoffe für dich auch, dass du aus deiner „Krise“ schafft. Egal, wie sie aussehen mag. Und denke immer daran, es tut gut sich Hilfe mit ins Boot zu holen. <3

  • Antworten leas_mama_30 2. Oktober 2016 at 17:42

    So toll geschrieben. Und ich finde mich sehr darin wieder.

    • Antworten Janina 2. Oktober 2016 at 18:11

      Danke Dir, liebe Lea. Danke. Ich hoffe, auch du hast wieder zu dir geschafft? <3

  • Antworten Nadine 2. Oktober 2016 at 18:38

    So wahre und ehrliche Worte. Mir geht es heute immer noch so und heute entspricht es auch leider viel mehr der Wahrheit als noch vor einigen Jahren und das macht es schwer daraus zu kommen. Ich habe Unterstützung und eines Tages kann ich vielleicht in den Spiegel gucken und eine Sache an mir nennen, die ich „schön“ finde oder wenigstens ok.
    Herzliche Grüße Nadine

    • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 19:09

      Liebe Nadine, ich hoffe so sehr, dass du aus dieser Krise herausfindest. Es lohnt sich so, dafür zu kämpfen. Hast du denn Hilfe an deiner Seite?

      Ich sende dir herzliche Grüße
      Janina

      • Antworten Nadine 3. Oktober 2016 at 20:53

        Danke liebe Janina. Mein Mann und meine Tochter sind mir die beste Stütze und professionelle Hilfe hab ich auch. Aber der Weg ist so lang und hart und mit Mitte 30 fühle ich mich manchmal schon zu alt und verliere die Hoffnung dass das je ein positives Ende nimmt. Aber es gibt die Sonnenschein Tage und eben inspirierende wundervolle Menschen, so wie dich, auch wenn ich diese Menschen nicht persönlich kenne, aber es trägt dazu bei positive Gedanken zu haben.

        Herzliche Grüße
        Nadine

  • Antworten Julia 2. Oktober 2016 at 19:14

    Ich finde deinen Blogpost unglaublich ehrlich, mutig und wunderbar.
    Und besonders sprichst du mir aus der Seele. Ich komme gerade aus der Klinik und habe in der Zeit vier Wochen dazu gebraucht um genau diese Worte auszusprechen „ich mag micht nicht und zwar so gar nicht“. Die Worte habe ich schon so oft gedacht aber sie auszusprechen und zu begreifen ist noch einmal auf jeder anderen Ebene fürchterlich.
    Und allein dein Post gibt mir Kraft weiterzukämpfen und gibt mir mehr Licht für das Ende des Tunnels.
    Raus aus dem selbsthass und der essstörung.
    Genau das wünsche ich mir auch.
    Ich muss mich nichtmal lieben, nur akzeptieren und so mein Leben zu erleichtern.
    Hab Dank dafür!

  • Antworten Georg 2. Oktober 2016 at 19:54

    Das mit der Fassade kenne ich zu gut… Aber seitdem ich meine Frau habe, brauche ich diese Maske nicht mehr, denn ich bin wirklich glücklich! Danke für diesen Einblick liebe Janina.

    • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 19:08

      Danke Dir, lieber Georg!

  • Antworten Sarah 2. Oktober 2016 at 20:54

    Liebe Janins, nie hätte ich gedacht das das es dir mal so erging. Wir sind im selben Alter, meine Kleine ist einen Monat jünger als Mimi.
    Dein Beitrag ist so ehrlich, bewundernswert.
    Vor allem zu diesen Zeiten, wo jeder auf Fotos und Instagram usw. so perfekt wie möglich rüber kommen will, gerne mit Filterhilfe. Da mal zu lesen wie es Dir erging, mir im übrigen auch, ist richtig gut und unterstreicht die Ehrlichkeit deiner Person, Blog und Instas.

    Liebe Grüße
    Sarah

  • Antworten Charlotte 3. Oktober 2016 at 8:40

    Liebe Janina,
    mir gefällt das Thema, da ich es unglaublich wichtig finde. Es hat mich zugegeben nicht wirklich überrascht, dass es dir mal so ergangen ist. Es ist mutig, darüber zu schreiben und zuzugeben, dass man mit sich selbst und seinem Körper auch Probleme hatte bzw. manchmal auch noch hat.

    Schade, dass du beim Schreiben etwas oberflächlich bleibst. Denn der interessante Punkt wäre für mich die Therapie bzw. der lange und ja extrem schwierige Weg hin zu Selbstliebe und Akzeptanz gewesen. Sicherlich war die direkte Frage und die darauffolgende Einsicht der erste und wichtigste Schritt. Aber die Arbeit an sich selbst, bis sich die alten Gedankenmuster aufgelöst haben, stelle ich mir fast als größere Herausforderung vor.

    Nichtsdestotrotz: Das Thema ist sehr privat und sehr sensibel. Und man ließt so wenig ehrliches und wirklich wichtiges in den meistens Blog. Von daher:Vielen Dank!

    Lieben Gruß aus Berlin,
    Charlotte

  • Antworten Lea 3. Oktober 2016 at 9:30

    Liebe Janina,
    danke für deine Offenheit und Ehrlichkeit ! Ich hatte das vergangene Jahr ebenso eine Krise, welche, möchte ich hier nicht preisgeben, aber es war genauso weit, dass ich Hilfe brauchte. Professionelle Hilfe und nicht nur gute Worte und offene Ohren von Eltern, Verwandten, Freunden.
    Danke für deine Offenheit. Danke, dass du – ein so scheinbar perfekter Mensch- mit Familie, Kindern, einem tollen Mann, einem tollen Äußeren etc, so ehrlich bist und dich offenbarst. Das braucht Mut.
    Danke !

    • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 19:07

      Liebe Lea,

      Hilfe anzunehmen ist gut. Es freut mich, dass es dir wieder gut geht. Dass du die Hilfe, die du brauchtest, gefunden hast. <3
      Mir hat es damals aus der Krise heraus geholfen. Es hat gedauert und es war nicht immer leicht, aber ich bin heute so dankbar.

      Ganz liebe Grüße
      Janina

  • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 10:04

    So so toll geschrieben. Ich weiß genau was du meinst. Du bist eine ganz bezaubernde Frau. 🙂

    • Antworten Janina 3. Oktober 2016 at 19:05

      Liebe Janina, ich danke dir. Ganz ganz lieben Dank! 🙂

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