Elisabeth Gastautoren Kolumne USA

EXPAT LIFE USA // DAS LEBEN IM AUSLAND, EIN PRIVILEG MIT ENTBEHRUNGEN

10. Mai 2017
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Expat Life in den USA

Elisabeth lebt und arbeitet mit ihrem Mann und ihren bald zwei Kindern in Washington. Als Deutsche ist sie angekommen im Großstadtleben der USA. Das Leben im Ausland ist ein Privileg, das aber gleichzeitig mit vielen Entbehrungen einhergeht.

Wie Elisabeth das Expat Leben empfindet, das lest ihr heute in einem neuen Beitrag von ihr.
Alle Beiträge von Elisabeth findet ihr HIER, bei Instagram ist sie unter @lottalove_usa.

Privileg mit hohem Preis:
Das Leben im Ausland

 

Ich lebe in der Hauptstadt Amerikas. Und das schon seit 4 Jahren. 4 Jahre, die wie im Flug an mir vorbei gezogen sind. Ein Wimpernschlag, ein Atemzug. Und trotzdem, in „unserer“ Welt, der Expat-Welt gehöre ich fast schon zu den Ureinwohnern dieser Stadt. „You are almost there, you are almost a Washingtonian“, sagte neulich eine amerikanische Mutter zu mir. Und fügte hinzu, dass man sich nach 5 Jahren quasi als „Washingtonian“ bezeichnen könne.

Hin und wieder bekomme ich Nachrichten von Leserinnen, die mich nach dem Leben im Ausland fragen. Und immer wieder lese ich darin eine unbändige Sehnsucht nach dem fernen, aufregendem, leichten Leben im Ausland.

Doch sieht so wirklich der Alltag im Ausland aus?

Für mich ist das Expat-Leben ein ungeheures Glück und ein Privileg, aber auch Verzicht und Kompromiss.

Zwar ist mein Mann derjenige, der von seinem deutschen Arbeitgeber hier her entsandt wurde, aber ich hatte das Glück neben den beiden (bald) zwei Kindern auch beruflich Fuß zu fassen. Ich habe einen eigenen Freundeskreis und wir haben einen gemeinsamen Bekanntenkreis. Ich habe meine eigenes Leben, meinen Alltag aufgebaut. Und ich bin der Meinung, dass dies nahezu essentiell dafür ist, dass ich hier glücklich und vor allem zufrieden bin.

Aber: dass dies alles so ist, war harte Arbeit. Es ist nicht einfach so passiert, ich musste aktiv etwas dafür tun. Und ich glaube, dass das viele missverstehen, die den Traum vom Leben im Ausland haben: Sie hoffen auf ein einfacheres, sorgloses Leben. Doch wieso soll es in einem fremden Land mit anderen Gesetzen, fremder Sprache und unterschiedlicher Mentalität besser laufen?

Denn auch das habe ich in dieser Zeit gesehen: den ein oder anderen Deutschen, der über das ganze Gesicht strahlend in den USA ankam und der sich kurze Zeit später kreuzunglücklich wieder verabschiedete.

Der eine kommt am Ende mit der sprachlichen Barriere nicht zurecht, der nächste wird mit der amerikanischen Mentalität nicht warm, der andere möchte eigentlich, dass hier in den USA alles genauso ist, wie in Deutschland,…

Das Expat-Leben ist schnelllebig und bunt. Gerade hier in Washington kommen die meisten von irgendwo anders her. Ob aus den Staaten selbst, aus Schweden, England, Deutschland, Italien, Australien oder Argentinien,… Sie arbeiten bei der Regierung, bei der Weltbank, in irgendeiner Botschaft, bei VW oder Lufthansa, in Pharamunternehmen oder der schrägen Medienwelt. Und somit ist das Leben hier auch wie eine große bunte Seifenblase: man lernt viele interessante Menschen kennen. Wenn man wollte könnte man jeden Tag auf einer anderen Party tanzen oder auf netten Empfängen leichten Small-Talk halten. Am Ende hat man 7 bis 16 Visitenkarten in der Tasche und noch die obligatorische „Let’s definitely keep in touch“-Verabschiedung im Ohr.

Und sie alle bleiben meist nur für eine bestimmte Zeit. Ein Jahr. Zwei oder drei Jahre. Selten fünf oder mehr.

Das ist zum einen unglaublich belebend: ständig, ob beim arbeiten, auf dem Spielplatz oder im Stamm-Cafe trifft man auf neue Leute. Und manchmal ist dies auch ziemlich traurig. Dann, wenn diejenigen gehen, die richtige Freunde geworden sind. Freunde spielen im Ausland noch mal eine ganz andere Rolle, als im Heimatland. Denn hier, so weit weg von der eigenen Familie ersetzen sie diese auch ein Stück weit. Sie springen ein, wenn es einen Engpass in der Kinderbetreuung gibt, sie sind „Plan B“ falls der Babysitter nicht ans Telefon geht, wenn die Wehen einsetzen und sie verbringen mit Dir Thanksgiving, Weihnachten und Kindergeburtstage.

Sie kennen Dein Leben, weil sie es oftmals selbst leben. Sie teilen Deine Sorgen, Deine Probleme und Wünsche und sind ein großes Fundament dafür, dass sich Dein Leben mehrere tausend Kilometer entfernt von zu Hause und Deinen Lieben trotzdem wie ein richtiges zu Hause anfühlt. Denn das ist auch das Leben im Ausland: Verzicht. Vermissen. Den Jahresurlaub (und das gesamte Budget) nicht irgendwo in den USA, der Karibik oder den britischen Jungferninseln zu verbringen, sondern in Deutschland. Das hat dann mit Urlaub wenig zu tun. Familie, Freunde, Bekannte werden im Eilverfahren abgeklappert („Schade, dass wir uns nur so kurz gesehen haben“), der ein oder andere Arzttermin abgehakt, Erledigungen gemacht, die man eben nur in Deutschland erledigen kann,… Wir sagen manchmal, dass es kein Heimat“urlaub“, sondernd ein (natürlich sehr schöner, aber auch sehr stressiger) Heimataufenthalt ist. So war unsere Tochter gerade einmal 15 Monate alt, als sie schon sechs Interkontinentalflüge hinter sich hatte.

Und trotz des Verzichtes auf die Heimat: Unser weißes, altes, lautes Haus; dieses Washington – das ist für mich und meine kleine Familie „zu Hause“, „Home“, wie das Mädchen sagt.

Und manchmal frage ich mich ob ich, ob wir es noch mal „schaffen“ in Deutschland wieder richtig anzukommen. Denn nach vier Jahren in DC und fünf Jahren Amerika insgesamt merke ich mit jedem Heimataufenthalt, dass ich ein Stück weit fremd bin im eigenen Land. Jedes Mal dort fallen mir bestimmte Sachen auf (ob die sprichwörtliche Miesepetrigkeit oder der Mülltrennungsterror), die ich so kurios und urdeutsch zugleich finde, dass ich mich erstmal dran gewöhnen muss. Oder mir manchmal nicht sicher bin, ob ich mich an all das noch gewöhnen kann (und will ;)). Denn ich erinnere mich zu gut, wie ich nach meinem ersten Auslandsjahr nach dem Abi wieder nach Deutschland kam. Ich war durch mit Amerika. Durch mit Ausland. Endlich wieder Schwarzbrot, deutsche Ärzte, und öffentlicher Nah-und Fernverkehr. Das hielt ein knappes Jahr an. Dann überkam mich ein Gefühl der Enge, des Fernwehs.

Denn mittlerweile hat mich das Leben im Ausland eines gelehrt: Ich weiß, dass ich mir nahezu überall auf der Welt ein zu Hause schaffen kann. Es braucht Zeit, viel Energie, Mut, Aufgeschlossenheit und Neugier auf Menschen und das Fremde. Dann ist dieses Leben ein Hinterfragen, Herausfordern und immer wieder neues Kennenlernen seiner eigenen (deutschen) Identität. Und immer wieder aufs Neue in so vielen Lebensbereichen eine unglaubliche Bereicherung.

 

 

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3 Kommentare

  • Antworten Nina 10. Mai 2017 at 18:27

    Wow, toller Artikel und so wahr! Ich lebe seit 3 Jahren nicht mehr in Deutschland und es ist auf der einen Seite wunderschön aber auch so anstrengend. Man muss am Ball bleiben, Leute kennenlernen und oftmals denkt man sich dann trotzdem: In Deutschland wären diese Menschen nicht so enge Freunde, denn es dauert, bis man wirkliche Freundschaften aufgebaut hat, man teilt die gleichen Erfahrungen/Sehnsüchte, aber ist doch so verschieden und weit weg der Heimat “begnügt“ man sich dann doch oft mit “weniger“. Deutsche Gepflogenheiten, die “negativen“, die vermisst sicher keiner, aber es gibt auch viele Positive, über die ich mir erst nach Jahren bewusst wurde; Verlässlichkeit, Verbindlichkeit, Pünktlichkeit, Schnelligkeit, um mal nur ein paar zu nennen. “Let’s definitely keep in touch“, es gibt mittlerweile nichts, was mich trauriger macht, denn es ist nur so dahin gesagt. Da vermisse ich Deutschland, denn wenn man so etwas sagt, passiert es tatsächlich… Mal sehen, wie lange ich es wieder in Deutschland “aushalte“, für mich geht es bald zurück 😉 LG

  • Antworten Kathi 10. Mai 2017 at 21:13

    Auch ich kann den Artikel und die geteilten Erfahrungen nahezu 1:1 nachempfinden und teilen. Wir leben zu viert nun auch bereits zwei Jahre nicht mehr in Deutschland und sind gespannt wo uns dieses Abenteuer hinträgt und eins ist klar- zusammen sind wir überall zuhause.
    http://www.kindheiterleben.de

  • Antworten Sarah 18. Mai 2017 at 17:26

    Danke, für diesen unglaublichen und wertvollen Beitrag. Schön es mal so zu hören.
    Mir fällt es schon immer nach einigen Wochen und Monaten im Ausland schwer wieder zurück in die Deutsche Kultur zu gehen (Klar, ich schätze hier so manchen Luxus des Sozialen Netzes). Da bin ich eher ein Fernweh-Kind. Und der Gedanke vom Auswandern wird wohl bleiben. Gerade auch wegen deines Artikels. Danke.

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