Elisabeth USA

STILLEN? JA! ABER BITTE NICHT IN DER ÖFFENTLICHKEIT | LEBEN IN DEN USA

21. Juni 2017
Anschlag in New York City

 

Leben in den USA,
Stillen in der Öffentlichkeit

Meine liebe Gastautorin Elisabeth erwartet momentan ihre zweite Tochter und ist „ready to pop“. Doch gerade in den letzten Wochen beschäftigt sie wieder ein Thema: Stillen in der Öffentlichkeit. Sex im Fernsehen, käuflicher Sex an jeder Straßenecke, Sex im Internet – aber eine stillende Mutter in der Öffentlichkeit? Das geht ja wirklich gar nicht. Hallo USA.

In einer neuen Kolumne teilt Elisabeth ihre Gedanken mit uns. Wie immer großartig geschrieben und spannend.

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Stillen: Ja!
Brust: Nein!

Stillen wird von der breiten amerikanischen Gesellschaft unterstützt.
Solange es nicht in der Öffentlichkeit stattfindet
.

Auf dem Flughafen in New York steht eine weiße Box mit einer Tür. „Hello Mamas“, steht dort drauf. Es handelt sich hierbei um eine „nursing lounge“ – ein kleines, fensterloses Kabuff, ausgestattet mit einer Sitzgelegenheit für die stillende Mutter und Steckdosen für die arbeitende Mutter, die unterwegs Milch für ihr Baby pumpen muss. Und ich frage mich: In was für einer Welt leben wir eigentlich?

Oh Amerika. Du Land der Freiheit und Vielfalt, aber auch der Widersprüche und Absurditäten.

Wie oft habe ich schon von diesen Gegensätzen berichtet, doch in wohl kaum einem Bereich meines Lebens habe ich es so persönlich mitbekommen. Es begann alles an dem Tag, als ich zum ersten Mal Mutter wurde. Damals, im Krankenhaus wurde mir jegliche Unterstützung angeboten, damit das mit dem Stillen klappt. Es gab Stillberaterinnen, die regelmässig am Tag vorbeischauten, sogar an einer Stillklasse nahm ich am Abend nach der Geburt teil, gefolgt von einem ausführlichen Abschlussgespräch mit einer sogenannten „lactation consultant“, in dem Fortschritte und bestehende Probleme meiner Stillerfahrung besprochen wurden. Verabschiedet wurde ich mit vielen Broschüren und einer Nummer, die ich bei eventuell aufkommenden Fragen und Problemen anrufen konnte.

Am Ende wurde auch noch eine Kleinigkeit angesprochen: Das Stillen in der Öffentlichkeit. Es gebe sehr praktische „nursing cover“, mit denen man ganz einfach die Brust verdecken könne. Denn ja, seine Brust öffentlich zu zeigen ist ein absolutes Tabu. Egal ob bei öffentlichen Events – wie dem „Busenblitzer“ von Janet Jackson beim Super Bowl 2004, bei dem für eine halbe Sekunde während einer Performance die linke Brustwarze „rausgerutscht“ war. Da es sich hierbei um eine Liveübertragung im amerikanischen Fernsehen handelte, vermuteten viele traumatische Auswirkungen auf all die Kinder, die vor den Bildschirmen das TV-Highlight des Jahres verfolgten – oder eben eine Mutter, die ihre Brust rausholt um ihr Baby zu füttern. Stillen, ja bitte. Aber bitte möglichst diskret.

Und diese Tatsache hatte mich zu Beginn meiner Mutterrolle extrem unter Druck gesetzt. Stillen an öffentlichen Orten war für mich mit Stress verbunden. Immer ein XXL-Tuch über das Neugeborene gelegt und permanent schauend, dass nicht doch irgendwas „verbotenes“  zu sehen ist, versuchte ich anfangs lieber die Zeiten so zu timen, dass ich möglichst wieder zu Hause war, wenn das Baby Hunger hatte. Was selten funktionierte. Mit der Zeit jedoch, wurde es ein bisschen einfacher. Ich kannte mein Kind besser, beherrschte das Stillen wortwörtlich im Schlaf und somit setzte mich das Suchen von ruhigen Plätzen und das Rausholen von einem großen nursing cover weniger unter Druck. Nie wurde ich angesprochen oder gar beschimpft. Doch ich habe penibel darauf geachtet, mich zurückzuziehen, meine Brust komplett zu verdecken und somit niemanden zu belästigen. Aber ich kenne Frauen, die gebeten wurden, bitte woanders hinzugehen. Das Internet ist voll mit Geschichten von Frauen die berichten „I was shamed for breastfeeding in public“.

Und nun diese Stillbox auf dem Flughafen. Ich googlete das Unternehmen „mamava“ und las Berichte dazu. Die Vertreiber stellen ihre nursing lounge als Fortschritt dar: „Wieviele Mütter werden bei Reisen auf Flughäfen auf die Behindertentoilette hingewiesen, auf denen ein Schild steht: „Nursing Lounge“ – mit der „mamava“-Box könnten stillende Mütter sich in Ruhe zurückziehen.“ http://www.huffingtonpost.com/2015/06/01/airport-lactation-stations-breastfeeding_n_7236678.html

Auch sei dies praktisch für die arbeitende Mutter. Da es in den USA ja keinen generell bezahlten Mutterschutz gibt, sind die meisten Frauen wenige Wochen nach der Geburt schon wieder im Arbeitsleben zurück. Viele möchten ihrem Kind trotzdem Muttermilch anbieten und pumpen somit von unterwegs ab, auch auf Flughäfen. Die Mamava bietet ihnen die Möglichkeit, in Ruhe und hygienisch abzupumpen.

Schön und gut. Aber, können wir bitte noch mal zehn Schritte zurücktreten
und uns anschauen, was da passiert ist? 

Die Sexualisierung der weiblichen Brust fand im 19. Jahrhundert statt. So wurde sie im Laufe der Jahre gesellschaftlich immer weniger als Quelle von Nahrungsaufnahme von Säuglingen gesehen. Durch diese Entwicklung war die Brust am Ende eben nur noch das Eine: Inbegriff der weiblichen Sexualität und Objekt der Begierde.  Plötzlich wurde eine der natürlichsten Handlungen der Menschheit – nämlich, einen Säugling zu füttern – in der Öffentlichkeit zum Tabu und so manch einer fühlte sich von nun an von diesem Vorgang sogar angeekelt.

Diese Entwicklung fand in einem gewissen Umfang auch in Deutschland statt, doch hier in Amerika nimmt diese prüde Einstellung absurd Formen an. Wer seine 4-jähriges Kind im eigenen Garten im Sommer nackt herumlaufen lässt, muss befürchten, dass ein Nachbar die Polizei ruft. {Bericht dazu HIER}

Diese Entwicklung, dieser Rückschritt, etwas so urmenschliches nicht mehr normal zu finden, ist einer der absurdesten Widersprüche der freien, modernen, westlichen Welt. Hier bekommt man zwar käuflichen Sex an jeder Straßenecke, sieht Sex in Filmen, in der Werbung, Sex im Internet. Alles okay. Aber eine stillende Mutter? Das geht nun wirklich zu weit….

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3 Kommentare

  • Antworten Bini 21. Juni 2017 at 7:41

    Liebe Elisabeth,
    mal wieder ein gelungener Artikel! Als wir im letzten Jahr mit Pauli in die Staaten flogen, hatte ich nur vor einer Sache so richtig Angst: Stillen in der Öffentlichkeit. Immer wieder zupfte P. an meinem Shirt und forderte die Brust ein- egal wo wir waren. Auch ich habe mich bemüht, möglichst diskret zu stillen, weil ich keinem auf den Schlips treten wollte. Aber du hast absolut recht, dass diese Entwicklung einfach nur traurig ist. Und genau deswegen habe ich mich nicht in diese sogenannten „nursing lounges“ zurückgezogen. Es ist einfach das Normalste dieser Welt, sein Kind mit der Brust zu nähren.
    Glücklicherweise wurde ich nicht einmal angesprochen und zurechtgewiesen, doch ich spürte die Blicke der prüden Amerikaner auf mir lasten.
    Für das nächste Jahr planen wir wieder einen Trip in die Staaten. Mal sehen, wie es dann mit dem Babybub und dem Stillen aussehen wird.

    Wir senden dir liebste Grüße in die wundervolle Stadt an der Ostküste!
    Bini

  • Antworten Carolin 21. Juni 2017 at 14:15

    Hallo Elisabeth,

    Ich muss deinem Bericht leider etwas widersprechen. Ja, die Amerikaner sind oft in den natürlichsten Situationen prüder als wir Europäer es sind. Vor allem wenn es um das Stillen geht. Nur deswegen gibt es extra Räumlichkeiten um dies in Ruhe zu tun oder abzupumpen. Das heißt aber nicht das man nicht öffentlich stillen sollte/ kann. Bei meiner Tochter (5) habe ich noch ein Stilltuch benutzt, was sich nach ca. 5 Monaten oft als äußerst schwierig erwiesen hat. Die Neugier was das Umfeld anging, hat sie immer wieder unter dem Tuch rausgetrieben ☺️ Es hat sie irgendwann einfach richtig gestört das sie nichts sehen konnte. Bei meinem Sohn (2), den ich bis eine Woche vor seinem 2. Geburtstag im Februar diesen Jahres gestillt habe, habe ich von Anfang an auf dieses lästige Ding verzichtet. „I don’t care what others think“ war von Tag 1 meine Einstellung. Und ich wurde genau 0 mal negativ angesprochen. Weder im Supermarkt während ich mit einer Hand geshopped habe, und mit der anderen ein stillendes Baby hielt, noch am Pool, Restaurant während wir alle aßen, etc. Ich glaube fest daran das mein selbstbewusstes Auftreten diesbezüglich alles damit zu tun hatte. Wenn ich angesprochen wurde, dann immer nur positiv und unterstützend. Natürlich ergeht es nicht jedem so, aber Stillnazis gibt es in jedem Land. Also wenn es einem persönlich unangenehm ist die Brust zu zeigen, dann stehen saubere und private Räumlichkeiten zur Verfügung. Das ist doch super! Jede persönliche Entscheidung wird so unterstützt. Also Mamas, nicht einschüchtern lassen, ganz egal wie ihr euch entscheidet eure Kinder zu nähren. Und sollte euch doch einmal einer quer kommen, immer schön ignorieren. Oder lächeln und winken 😙❤️✌🏼

  • Antworten Nancy 22. Juni 2017 at 0:43

    Hallo liebe Elisabeth,
    danke für den spannenden Text. Welche Unterschiede es doch gibt! Ich habe hier im tiefen Süden der USA (South Carolina) interessanterweise ganz andere Erfahrungen gemacht und unseren Sohn vor zwei Jahren selbstbewusst überall in der Öffentlichkeit gestillt. Nicht zuletzt, weil meine „lactation consultants“ und meine Stillgruppe mich dazu immer wieder ermutigt haben. Auch das Tuch kam nicht zum Einsatz, denn das war mir einfach zu umständlich und dafür war es in den Sommermonaten auch viel zu heiß draußen. Selbst in Restaurants habe ich am Tisch und ohne Tuch stillend keinerlei schlechte Erfahrungen gemacht. Sicherlich wird es irritierte Blicke mancher prüden Amerikaner gegeben haben, aber ich habe mich einfach nicht nach den anderen Gästen umgeschaut! 🙂

    Ich wünsche Dir alles Gute für den Endspurt und Euch einen harmonischen Start als „family of four“! Bei uns ist es in den nächsten Tagen auch soweit: Es gibt weiteren Familienzuwachs und wir können es kaum abwarten!

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