Elisabeth Gastautoren Kolumne USA

FREMDE IM EIGENEN LAND | LEBEN IN DEN USA

13. September 2017
Berufstätige Mutter gleich Rabenmutter

Fremde im eigenen Land?

Als Elisabeth mir letzte Woche schrieb, dass sie an einem neuen Beitrag sitzt, war ich völlig aus dem Häuschen. Denn, ich liebe ihre Kolumnen sehr. Immer großartig geschrieben, oft gesellschaftskritisch, aber immer mit einem Augenzwinkern. Das macht Elisabeths Texte aus, wie ich finde. Sie sind so nah dran und man bekommt einen Einblick.

Letzten Monat war sie zurück in Deutschland. Mit ihrer kleinen Familien auf Heimaturlaub. Wie sie den erlebt hat und warum sie zum Teil das Gefühl hatte, in ihrem eigenen Land fremd zu sein – das lest ihr hier und jetzt.

Alle Texte von Elisabeth findet ihr gerammelt HIER.
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Oh, mein Germany!
Urlaub im eigenen Land.

Vier Wochen Urlaub. Andere fahren nach Italien, Frankreich oder fliegen nach Asien oder Südafrika. Auch ich fliege mit Mann, Kleinkind und Neugeborenen tausende Kilometer. Und lande in Deutschland. Sommerurlaub heißt seit vier Jahren Heimaturlaub. Doch dieser Urlaub ist mehr als nur das. Zum einen ist das Wort „Urlaub“ ganz schön irreführend. Denn Erholung sind die Trips in die Heimat nicht. Es ist ein Mix aus lang ersehnter Wiedersehensfreude, abklappern von Behörden und Ärzten, Einkaufslisten abhaken und vor allem: Zeit mit Großeltern, Verwandten und möglichst vielen Freunden verbringen. Einmal im Jahr. 

Und ganz nebenbei erlebe ich jedes Mal einen Kulturschock, der von Jahr zu Jahr heftiger ist. Dass mich die Zeit im Ausland prägen wird, war keine Überraschung, doch mittlerweile frage ich mich ab und zu, ob ich jemals wieder in Deutschland ankommen werde. Voll und ganz und ohne das dauerhafte Gefühl zu haben, etwas würde fehlen. Manchmal wünschte ich, dass ich mir mein eigenes Land bauen könnte. Wie bei einer Schachtel Pralinen würde ich mir nur die besten Teile raussuchen und mir meine eigene Lieblingskreation zusammensuchen. Denn es gibt bestimmte Dinge, die mir in Amerika so unendlich fehlen (und da geht es um weit mehr als nur das gute deutsche Brot) und es gibt Dinge, die ich aus den USA nicht mehr missen mag.

Meine Eindrücke aus Deutschland 2017?

Unfassbar grün! Unglaublich sauber und ordentlich. Selbst in den meisten Ecken der zweitgrößten Stadt Deutschlands!

Man muss dem Busfahrer immer (!) das gültige Busticket zeigen. Da ist es total egal, ob der Bus so voll ist, dass Leute mit Platzangst sicherlich kollabieren würden. Oder ich zum Zeigen der Fahrkarte das Kleinkind und das schreiende Baby im Mittelteil des Busses stehen lassen muss, um mich nach vorne zu kämpfen. „Da ist es!“ , lächle ich abgekämpft. Als Antwort erhalte ich ein nüchternes Nicken.

Was habe ich sonst wieder neu gelernt? Gehe möglichst niemals Montag Morgen in den so wunderbar sortierten Supermarkt um deine Pfandflaschen in den eigens dafür entwickelten Automaten zu werfen. Pfandflaschen!!  Ja, Leute. Es ist soweit. Ich schmunzel über uns. Über die Deutschen, die brav in der Schlange warten, um ihre klebrigen Bierflaschen für 8 Cent das Stück in die Maschine zulegen. Mein Bon wird gedruckt. Für 64 Cent stand ich 15 Minuten an. Und ich finde dieses System genial; denn: Es funktioniert. Vom Einkaufswagen, den ich mir für 50 Cent „leihe“ – und aufgrund der 50 Cent selbstverständlich wieder zurückbringe, fange ich gar nicht erst an. Ich sage nur: Großartig!! In Amerika musst Du auf dem Supermarktparkplatz beim Ausparken neben herumlaufender Kinder auch auf herumrollende Einkaufswagen achten.

Müll trennen. Was habe ich mich lustig gemacht, über das Mülltrennungsystem in Amerika. Plastik, Pappe, Glas kommen in den Recycling-Container. Soll das ein Witz sein? Ein deutscher Bekannter fasste die Mülltrennung in DC mit einem Augenzwinkern so zusammen: Ja, Amerikaner trennen Müll. Auf der einen Seite gibt es den Atommüll und in die andere Tonne kommt der Rest.

Und jetzt hatte ich tatsächlich Schwierigkeiten mit dem peniblen deutschen System. In unserer Airbnb-Wohnung gab es eine Anleitung (ein ganzes DIN-A-4-Blatt), das die Mülltrennung dieses Stadtteils erklärte. Plötzlich erschien es mir als eine absurde Wissenschaft für sich und scheinbar stellten wir uns nicht sonderlich geschickt an. Denn vier Tage später wurden wir von unserer Vermieterin drum gebeten, den Müll besser zu trennen und u.a. die Windeln vor dem Wegwerfen enger und kleiner zu binden. Wir gelobten Besserung.

Auf dem Heimweg vom Supermarkt erschrak ich kurz: Zwei Mädchen, um die 7 Jahre alt, waren mit ihren Rollern auf dem Radweg unterwegs. Nachdem sie vor der Kreuzung kurz anhielten und nach links und rechts schauten, überquerten sie die Straße. Ich dreht mich suchend nach den Eltern um und stutzte kurz: Niemand kam nach. Die Mädchen waren alleine unterwegs. Mittlerweile ein ungewohntes Bild für mich. Kinder alleine auf dem Weg zum Bäcker um die Ecke? In Amerika undenkbar. Leider.

Deutschland im Wahljahr. So unglaublich leise. Den Wahlkampf muss man regelrecht suchen. Was hier in Amerika 1-2 Jahre vorher beginnt und kräftezehrend ist – sowohl für die Kandidaten als auch für die Wähler, wird in Deutschland eingestampft auf wenige Wochen vor der eigentlichen Wahl. Dabei bleiben die Kandidaten meist angenehm sachlich. Deutsche interessiert nicht, mit wem Martin Schulz verheiratet ist oder ob Frau Merkel nun Kinder hat oder nicht. Man kann natürlich sagen: Deutscher Wahlkampf ist dröge und langweilig? Ich fände einen Mittelweg spannend!

Und leider hat sich auch das während meines Besuches gezeigt: Wir Deutsche sind ziemlich unfreundlich. Was wurde ich griesgrämig angeschaut, was wurde ich angerempelt. „Entschuldigung“ habe ich nie gehört. Im Drogeriemarkt stand mein Kinderwagen vor einem Regal und damit scheinbar im Weg eines Mannes. Ein kurzes „Entschuldigen Sie bitte, ich müsste da hin“, ja sogar ein nettes Nicken hätte gereicht. Zack, hätte ich Platz gemacht. Doch dieser Mann zwängte sich lieber wortlos und mühselig dazwischen, riss das Regenverdeck vom Kinderwagen und griff nach einem Shampoo, mit dem gleichzeitig drei andere Flaschen auf dem Boden fielen. In Amerika übrigens das andere Extrem: „Excuse me“ wirft man den Mitmenschen auf einem Meter Entfernung vorsorglich zu.

In den vier Wochen Deutschland wurden mir zwei Mal von Fremden ungefragt Tipps gegeben. Menschen wussten besser als ich, warum mein Baby weint: „Es weint, weil es den Wind nicht mag“. Aha! So etwas ist mir in 2,5 Jahren Mutterschaft in Amerika noch nie passiert. Ja, wir Deutschen sind eher zweifelnd und skeptisch: „Besser mal was sagen, das weiß die junge Mutter sicher nicht.“ Die Amerika denken eher positiv: „I am sure she got this.“

Dies ist kein Herummäkeln an uns Deutschen, dies ist eher eine liebevolle Feststellung. Denn Leben im Ausland ist nicht nur ein Eintauchen in eine neue Kultur, sondern ein Reflektieren der eigenen Identität, ein neues Kennenlernen. Jeder Besuch in Germany fühlt sich an, als sei ich auf Droge. Als habe man mir eine Pille gegeben, die all diese banalen Alltäglichkeiten herausfiltert. Wenn ich in Hamburg auf dem Balkon stehe und unten Radfahrer deutsch sprechen, macht mein Gehirn einen kurzen Luftsprung: DEUTSCH.DEUTSCH.DEUTSCH. Wenn der Kuckuck ruft, die Blätter rauschen – ist das etwas einmalig Vertrautes. Es riecht im Park nur HIER, genau hier, so. Meine Sprache, mein Kuckuck, meine Heimat. So vieles ist plötzlich zum greifen nahe. All das, was ich über Monate vermisse: Familie und Freunde, Schokobons, die Nordsee, deutsche Kinderschuhe.

Deutschland, du ordentliches, so gut funktionierendes Land. Deutschland, Land der Griesgrämer und Korintenkacker. Du grüne Insel. Land der geschwindigkeitbegrenzungfreien Autobahn. Land des Bargelds. Land des Mutterschutzes und der halbtagsarbeitenden Mütter – und für die, die voll arbeiten (wollen oder müssen), leider manchmal auch noch Land der Rabenmütter. Auf so viele Arten bist Du besonders, auf manche bist Du sonderbar und selten bist Du auch ziemlich merkwürdig. Du bist wunderbar!

Du bist meine Heimat und manchmal scheinst Du es nicht mehr. Ich bin ein Stück weit Fremde geworden. Fremde im eigenen Land.

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15 Kommentare

  • Antworten Katja 13. September 2017 at 12:53

    Oh liebe Elisabeth! In ein paar Tagen ziehen wir für 2 Jahre nach Amerika und irgendwie hat dein Text mein kleines vom Abschied verwirrtes Herz berührt und zum schmunzeln gebracht! Ich danke dir vielmals dafür!
    Liebe Grüße
    Katja
    (Aus Hamburg, bald Salt Lake City)

    • Antworten Janina 17. September 2017 at 6:02

      Aaaah Katja,
      du ziehst nach Salt Lake City. Wie spannend, ich wünsche euch alles alles Gute und bin sehr gespannt, was du berichten wirst. 🙂

    • Antworten Katharina 19. September 2017 at 3:39

      Hallo Katja,
      wir sind im April für 3,5 Jahre nach Phoenix gezogen. Wünsche euch alles Gute.

      Liebe Grüße, Katharina

  • Antworten Sarina 13. September 2017 at 17:19

    Was für ein wundervoller Beitrag! Ich habe auch desöfteren schon im Ausland gelebt und habe festgestellt, dass man nach dem „zurückkommen“ immer wieder eine gewisse Eingewöhnungszeit braucht. Oft hätte ich mir am liebsten meine Welt zusammengebastelt:)

    Liebe Grüße,
    Sarina

  • Antworten Hanna 13. September 2017 at 18:38

    Toller Beitrag. wobei ich denke, dass die Kritik über Deutschland harmlos ist. Denn gibt es ein Land auf der Welt das rundum perfekt ist? Falls ja, bitte sag mir welches.
    Wenn man ungebeten Ratschläge erhält oder jemand sich nicht entschuldigt oder sich zu Verkaufsregalen durchdrängt, so mag das zwar etwas unhöflich sein aber nichts worüber ich mir ernsthaft Gedanken machen würde.
    Die Vorteile überwiegen deutlich. Als ich in Thailand war, sah ich äußerst freundliche Menschen, habe dann allerdings mitbekommen, wie Eltern ihre Kinder zur Prostitution verkauft haben, dass war für mich ein Kulturschock, oder wie man in dem Land mit Tieren umgeht, ich musste weinen, sicher werden auch in D Tiere geschlachtet doch es gibt Tierschutzgesetze.
    In New York z.B. war alles sehr laut, schrill, überall Reklame, Autoabgase völlig verarmte Menschen um die sich keiner gekümmert hat, meine Güte dachte ich, da kam mir mein schönes München wie ein Paradies vor.
    Ist wohl alles eine Frage der Perspektive.
    Viele Grüße nach Washington.

    • Antworten Julia 18. September 2017 at 8:20

      Das hat Elisabeth aber ja auch geschrieben, dass es eher liebevoll gemeint ist, von ernsthafter Kritik ist ja nicht wirklich etwas zu lesen. Und nur weil es in fremden Ländern in unseren Augen ziemlich furchtbare Sitten gibt, haben die Deutschen trotzdem ihre Macken 🙂 Bringt ja nichts da zu relativieren. Und ich muss auch sagen, die über die Landesgrenzen hinaus bekannte Unfreundlichkeit und Unhöflichkeit der Deutschen existiert wirklich. Ich bin jedes Mal etwas geschockt, wenn ich in IRGENDEINEM Land war und wieder nach Deutschland komme.

      • Antworten Hanna 22. September 2017 at 19:55

        Meine Antwort sollte nicht bedeuten, dass die Deutschen keine Macken haben, doch wie erwähnt, in welchem Land ist alles perfekt?
        Ich finde schon, dass man es relativieren kann. Was ist tragisch daran, wenn man ungebeten Ratschläge erhält im Vergleich dazu wenn in anderen Ländern Menschen gesteinigt werden, Frauen oder Töchter verkauft werden?
        Ich bin sehr viel gereist und kann nicht sagen, dass wirklich alle Deutschen unhöflich sind.
        Janina ist auch Deutsche und nicht unhöflich! Als Sie in Bali war, kann ich mich erinnern das Janina über eine unfreundliche Frau, ich meine sie war aus Australien geklagt hatte. Ich habe überall Menschen in Ländern gesehen, die sich daneben oder unfreundlich benommen haben, am schlimmsten waren die Engländer in Spanien, aber das ist ja schon legendär. Einzige Ausnahme Chinesen und Japaner, die sind immer sehr ruhig und gelassen.

  • Antworten Jule 14. September 2017 at 4:56

    Wieder einmal ein großartiger Artikel. Ich mag es sehr, wie du unser Land beschreiben hast und kann alles genau so unterschreiben. 😃 Aber auf einige Sachen wäre ich so nie gekommen, du hast halt tatsächlich einen anderen Blick. 😊

  • Antworten Nina 14. September 2017 at 10:48

    Ich mag den Artikel, aber ich weiß nicht.. gerade über die unfreundliche Art der Hamburger untereinander würde ich etwas ganz anderes, eher Gegenteiliges sagen. Zumindest in Hamburg Mitte.
    Ich weiß natürlich nicht, welches Viertel gemeint ist, zum Teil kann es auch daran liegen. Oder einfach an Pech.
    Aber ich muss ehrlich sagen, dass mir im Alltag die (jüngeren bis mittelalten) Menschen in den Supermärkten, die Verkäufer und auch die Busfahrer immer super freundlich und auch persönlich begegnen.

    Auch „Tipps“ von Passanten fasse ich eher als Interesse auf, welches man versucht zu teilen. Ich muss sie ja nicht annehmen. Das mag ich lieber, als dieses „geht mich nichts an, ist ja nicht mein Bier. Wird schon ok sein“. Aber dieser Aspekt ist natürlich individuell; ich sehe es offensichtlich anders. Ich wundere mich auch immer, wieso beispielweise auf Bali oder in Griechenland sowas als toll empfunden wird und in Deutschland als blöd 😀 Aber das ist jetzt generell gesprochen.

    Aber sonst finde ich, kommt in dem Artikel gut rüber, wie die Autorin den Zwiespalt empfindet. sehr schön 🙂

  • Antworten Jonna 14. September 2017 at 10:55

    Sehr schön und treffend gesagt!

  • Antworten Nati 15. September 2017 at 12:44

    Liebe Elisabeth, wieder einmal eine ganz tolle Kolumne von Dir. Es macht Spaß mitzuerleben, wie Du in Amerika lebst und hier auf Heimatbesuch bist, die Unterschiede zu hören, was Du vermisst und was nicht. Sehr spannend wie Du das siehst und somit kann ich mich und meine Umwelt hinterfragen, was an dem ein oder anderen genannten Beispiel sogar dran ist.
    Liebe Grüße Nati

  • Antworten Anne 15. September 2017 at 14:45

    Mir passiert es jedesmal in D dass ich vergesse mein Gemuese zu wiegen und den Sticker aufzukleben. Das gibt es in den USA nicht.

  • Antworten Sylvia 18. September 2017 at 6:43

    Sehr spannender Beitrag! Ich kann mir gut vorstellen das man nach einer Zeit im Ausland irgendwann ein Mittelding wird. Man vermisst die schlechten Sachen nicht, nur die guten. Ich glaube so ginge es mir auch.

    Liebe Grüsse
    Sylvia
    http://www.mirrorarts.at – Fotografie & Reiseblog

  • Antworten Bianca 18. September 2017 at 8:50

    Ein sehr schöner Artikel, der so viel Wahrheit enthält. Ich finde auch, dass vielen Deutschen die Freundlichkeit und die Höflichkeit abhanden gekommen ist. Mittlerweile wartet man auf ein „Guten Tag“ beim Bäcker schon vergebens. Auch das ungefragte Einmischen finde ich schlimm. Als mein Sohn noch ein Baby war, meinten auch ganz viele Fremde besser zu wissen, was meinem Baby fehlt …

    Viele Grüße Bianca
    http://ladyandmum.blogspot.de

  • Antworten Katharina 19. September 2017 at 3:43

    Ein toller Beitrag! Ich lese deine Kolumne sehr gerne, da wir auch im April in die USA (Phoenix) gezogen sind. Ich war direkt jetzt im Sommer für 5,5 Wochen zurück aufgrund zwei runder Grburtstage und ich hatte teilweise auch Triple-Dates um alle unter einen Hut zu bekommen. ☺️ Aber es war toll wieder zurück zu sein, denn in Phoenix fehlt mir einfach die Natur… hier gibt’s kaum grün.

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