Schwangerschaftsvorsorge im Ausland.
Wie ist es in Holland?

 

S. hat während ihrer Schwangerschaft in den Niederlanden gelebt und dort auch entbunden. Bei unseren Nachbarn in Holland wird es mit der Schwangerschaftsvorsorge ganz anders gehandhabt als in Deutschland. Spannend, wie ich finde. Und auch werden die meisten Babys zu Hause entbunden. Aber lest selbst…

S. ist eine tolle und bemerkenswerte Frau. Ich lernte sie vor knapp zwei Jahren auf einer kleinen Handmade-Messe kennen und bin seitdem begeistert von ihrer Arbeit und ihrem Engagement als Mompreneur. Nun aber zu S. Erfahrungen in Sachen Schwangerschaftsvorsorge in den Niederlanden.

 

Meine Schwangerschaft in den Niederlanden

Als Janina vor einiger Zeit einen Artikel über das Thema selbstbestimmte Geburt geschrieben hat, wurde dieser in den Kommentaren kontrovers diskutiert. Mich hat diese Diskussion an meine Schwangerschaft in den Niederlanden erinnert und daran, dass ich beide Seiten nachvollziehen kann. Es ist mir also wichtig, vorweg zu sagen, dass ich jede Entscheidung einer Schwangeren respektiere, wie sie ihre Schwangerschaft begleiten lassen möchte und wie und wo sie entbinden möchte. Ich glaube fest daran, dass jede Mutter und jede Schwangere am besten weiß, was gut für sie und ihr Kind ist. 

Als ich 2013 schwanger geworden bin, habe ich schon gut zwei Jahre in den Niederlanden studiert. Ich hatte also schon den ein oder anderen Arztbesuch hinter mir uns wusste, dass alles, was das Gesundheitssystem angeht in unserem sonst so ähnlichen Nachbarland etwas anders abläuft als bei uns. So wusste ich zum Beispiel bereits, dass man nicht einfach so zu einem Facharzt gehen kann, wie in Deutschland. Das läuft dort alles über den Hausarzt und nur wenn der in Ausnahmefällen eine Überweisung schreibt, darf man einen Facharzt sehen. Meistens schreiben sie übrigens keine Überweisung und behandeln selber.

Als ich also wusste, dass ich schwanger bin, bin ich direkt zu meinem Hausarzt gegangen. Der, so erwartete ich, würde mir dann eine Überweisung für einen Gynäkologen geben und alles würde seinen weiteren Lauf gehen. Ich stellte mir vor, dass die Schwangerschaft von einem Frauenarzt und regelmäßigen Untersuchungen und Ultraschalls begleitet werden würde.

Auf der Toiletten des Hausarztes sollte ich dann noch mal einen Schwangerschaftstest machen und der Hausarzt erklärte mir dass ich schwanger bin, was ich ja schon längst wusste und ich bat um die Überweisung. Der Arzt sah mich verwundert an und fragte, warum ich denn einen Gynäkologen sehen wolle, ob ich Schmerzen hätte oder sonst etwas nicht stimmte. Und ich fragte, ob man nicht einen Frauenarzt sehen müsse wenn man schwanger sei. Er erklärte mir, dass das überhaupt nicht nötig sei und gab mir einen Flyer einer Hebammenpraxis, bei der ich mich anmelden sollte. Hebammenpraxis? Das hatte ich vorher noch nie gehört. Natürlich wusste ich, was eine Hebamme ist, allerdings dachte ich immer, die seien nur bei der Geburt und vielleicht zur Nachsorge da.

Ohne recht zu wissen, was genau passieren würde meldete ich mich in der Praxis an und bekam in meiner 10. Schwangerschaftswoche den ersten Termin. Ein Einführungsgespräch hatte ich mit der Hebamme Marieke, in der sie über die Umstände der Schwangerschaft fragte und mir erklärte, welche Lebensmittel ich von nun an vermeiden soll. Ich frage nach einem Ultraschall. Marieke erklärt mir, dass während der Schwangerschaft nur drei Ultraschalls gemacht werden. Ein erster in der 13. Woche, ein ‘Organscan’ in der 20. Woche und ein letzter in der 30. Woche. Mehr echos seien nicht nötig, sagte sie, man wolle das Baby nicht unnötig damit ‘ärgern’. Das hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Ich hatte erwartet, dass man sein Baby öfters sehen könne. Schließlich war ich außerdem unendlich neugierig und da ich weder irgendwelche Schwangerschaftsbeschwerden hatte, noch das Baby schon fühlen konnte, wünschte ich mir ein Ultraschall. Vielleicht auch, um mich selber von der Schwangerschaft zu überzeugen.

Das Gefühl der viel zu wenigen Ultraschalluntersuchungen begleitete mich während der ersten Monate  meiner Schwangerschaft. Am liebsten hätte ich mich wöchentlich per Ultraschall davon überzeugt, dass mit dem Baby im Bauch alles in Ordnung ist. Aber mit stoischer Gelassenheit erklärte mir Marieke jedes Mal, dass dies nicht nötig sei. Wir lauschten bei den Terminen gemeinsam den Herztönen des Babys, sie tastete auf meinen Bauch nach der Position des Babys und führte meine Hand behutsam, so dass ich es nach einer Weile auch spüren konnte. So wuchs mein Vertrauen zu Marieke und zu mir selbst und meinem Körper.

Sie erklärte mir, dass eine Hausgeburt in den Niederlanden der Normalfall ist. Eine Hebamme begleitet die Geburt, die Krankenversicherung schickt ein sogenanntes kraampakket, also ein Paket mit allem, was man für eine Hausgeburt braucht und auch hier wird ein Arzt erst eingeschaltet, wenn es Komplikationen gibt. Ansonsten gibt es ein großes Vertrauen in die Schwangeren, dass der Körper das leisten kann, wofür er gemacht wurde: ein Kind zur Welt bringen. Nach der Geburt bekommen alle Frauen in den Niederlanden, zu Hause kraamhulp, eine Hebamme, die sich während der ersten Woche (oder noch länger) nicht nur um Mutter und Baby sondern auch den Haushalt und ältere Geschwisterkinder kümmert.

Bei einem nächsten Termin bei Marieke erzählte ich ihr, dass ich weniger Kindsbewegungen gespürt hatte. Sie schickte ich sofort ins Krankenhaus wo ein CTG geschrieben wurde und ein Ultraschall gemacht wurde. Es war alles in Ordnung und die Ärztin riet mir, mich auszuruhen. Dass Marieke und die Ärztin meine Sorgen ernst nahmen beruhigte mich. Zum Ende der Schwangerschaft wurden die Termine bei Marieke etwas häufiger und ich freute mich jedes Mal sehr darauf, die Herztöne zu hören und darauf, dass Marieke mit den Händen das Baby ertastete.

Mein errechneter Geburtstermin war Ende September und Ende August sollte ich mit meinem Studium fertig sein. Ich entscheid mich aus privaten Gründen dazu, noch vor der Geburt nach Deutschland zurück zu ziehen und mein Baby hier in Hannover, meiner Heimatstadt, zur Welt zu bringen. Das bedeutete für mich wieder eine Umgewöhnung. Plötzlich hatte ich tatsächlich wöchentliche Termine bei meiner Frauenärztin, inklusive CTG und Ultraschall. Eine Hebamme für eine Hausgeburt suchte ich vergeblich, allein ein Angebot einer ‘hebammengeleiteten Geburt’ in einem Krankenhaus kam meiner Wunschvorstellung für die Geburt und dem, was ich aus den Niederlanden gewöhnt war am nächsten.

Am Ende hatte ich allerdings doch, wegen Steißlage, einen Kaiserschnitt. Ob in den Niederlanden Babys in Steißlage auf natürlichem Wege zu Hause entbunden werden habe ich nicht mehr herausgefunden. Was ich aber sicher weiß ist, dass das Vertrauen in Frauen und das, was ihre Körper alleine leisten können viel größer ist als in Deutschland. Das Bewusstsein, dass eine Schwangerschaft keine Krankheit ist, für die man einen Arzt aufsuchen muss und eine Geburt nicht in einem Kranken(!)haus statt finden muss. Sondern dass der Körper einer Frau es in den allermeisten Fällen alleine und mit Hilfe einer Hebamme schafft, ihr Baby zur Welt zu bringen – in Ruhe und im vertrauten Umfeld, wie von der Natur vorgesehen.

 

 

Kommentare

Dieser Beitrag hat 9 Kommentare
  • Deborah
    17 Mai 2017 Antworten

    Ich finde es sooo spannend, wie das Thema Schwangerschaft/Geburt in jedem Land wieder anders gehandhabt wird. Bei uns in der Schweiz haben wir ja wirklich auch ein riesiges Angebot.

    Toll diese Berichte lesen zu können. Vielen Dank.

  • Marie (nukkua_)
    17 Mai 2017 Antworten

    Ein sehr interessanter und wichtiger Artikel! Ich wünschte, es würde in Deutschland nur ein bisschen mehr so laufen. Ich bin selbst schwangere Ärztin (aber keine Gynäkologin) und muss gefühlt bei jedem Frauenarzttermin gegen unnötige Diagnostik kämpfen. Ich wurde mit meinem freundlich formulierten Wunsch, u.a. kein CTG durchführen zu lassen und im Geburtshaus zu entbinden schon so oft verständnislos angeguckt.

    Und noch ein anderer Punkt: was könnte alles an Geldern gespart werden, wenn man es wie die Holländer machen würde…allein, dass ich 600 Euro Bereitschaftspauschale für die ambulante Geburt im Geburtshaus (fast komplett) selbst zahlen muss, mir aber ein Wunschkaiserschnitt mit Vollnarkose und anschließendem Krankenhausaufenthalt bezahlt würde, ist doch ein Witz.

    Liebe Grüße aus Hannover

  • Chris
    17 Mai 2017 Antworten

    Ich habe selbst erst vor 3 Monaten meinen Sohn in den Niederlanden geboren. Es wurde uns auch erklärt, dass es keinen wunschkaiserschnitt hier gibt. Hier werden keine so großen Operationen auf Wunsch ausgeführt. Nachdem ich zum Ende auch einen Kaiserschnitt hatte kann ich mir auch nicht mehr vorstellen, dass man so etwas auf Wunsch haben möchte…
    Steißlage wird oft mit Kaiserschnitt gemacht in den Niederlanden, aber muss nicht unbedingt. Darüber kann man mit dem Gynäkologen sprechen.
    Für meine nächste Geburt ist leider eine Hausgeburt ausgeschlossen da ich einen Kaiserschnitt hatte.
    Am schönsten ist aber die kraamhulp die wirklich bei allem hilft. Den Rest aus meinem Kraampakket habe ich jetzt an eine Freundin in Deutschland gegeben, da man die Sachen daraus auch nach der Geburt vor allem braucht.
    Die Erfahrungen die man übrigens mit einer Hebamme teilt sind doch anders als bei einem Arzt. Ich kann die Hebammen Begleitung nur jedem empfehlen

  • Lovingbakingcruising
    17 Mai 2017 Antworten

    Ein sehr schöner Bericht, allerdings ist es auch in Dt so, dass nur 3 US angedacht sind (um die 10, die 20. und die 30. Woche)… es sei denn es handelt sich um eine Risikoschwangerschaft oder vorgerige US sind auffällig. So habe ich es auch im Studium gelernt, es sollte also allen Ärzten bekannt sein. Wieviel Diagnostik gemacht wird hat sicher etwas mit dem FA zutun, meine z.B. ist gegen fast alle IgeL (Individuelle Gesundheitsleistungen) und macht US nur, wenn sie es als Risiko einstuft. Sie ist sehr darauf bedacht, dass Frauen auf ihren Körper hören. Und leider ist es in Dt. so, dass man soviele Probleme hat eine Hebamme zu finden, das weiß ich aus Erfahrung, ich entbinde im Juni (wenn mein Baby um den ET sich entschließt zu kommen) und musste zittern und bangen eine zu bekommen. Das ist so schade und ich denke, dass dies leider die falsche Gesundheitspolitik ist.
    Die Niederlande macht das schon gut denke ich. Allerdings weiß ich auch, dass manche Schwangere einen ziemlich hohen Anspruch haben und ich denke dass ein Mittelweg perfekt wäre.
    Vielen lieben Dank für den Beitrag. Und überhaupt ein so schöner Blog!

  • Lara
    17 Mai 2017 Antworten

    Sehr interessant wie unterschiedlich dies ist. In Deutschland werden ja auch so viele Kaiserschnitte gemacht,weil es für die Krankenhäuser (hinter denen mittlerweile oft Konzerne stecken) lukrativer ist. :/
    In Deutschland wäre die Geburt meines Kindes aufgrund der Steißlage wohl auch ein Kaiserschnitt geworden. Hier in Finnland konnte ich selber wählen. Der Kaiserschnitt stand nur als Option im Raum, wäre das Kind nicht selber gekommen zu einem Zeitpunkt.
    Ich finde es auch gut, wenn nicht so viele Ultraschalluntersuchungen gemacht werden. Man lernt so viel mehr auf sich zu hören. 🙂

  • Katinka aus LE
    18 Mai 2017 Antworten

    Ich finde die Herangehensweise in den Niederlanden toll. Ein Kind gebären ist ein natürlicher Vorgang. Meine beiden Kinder kamen in Frankreich zur Welt. Nach einer vergleichsweise traumatisierenden Klinikgeburt meines ersten Kindes hatte ich das grosse Glück, durch Zufall eine Hausgeburtenhebamme zu finden, die mich und meinen Mann vorbereitet hat und mein zweites Kind kam dann zu unser aller Freude bei uns zu Hause auf die Welt. Ein einmaliges Erlebnis: in seinen eigenen Körper zu vertrauen. Ich kann es kaum beschreiben, was FRAU da fühlt und was heute den meisten Frauen in unseren Breitengraden verwehrt ist/wird. Schade, dass die Rolle der Hebamme in Deutschland und auch in Frankreich derart heruntergespielt wird und das die Tendenz leider in die völlig falsche Richtung läuft. Bleibt nur zu hoffen, dass sich die Situation irgendwann ändert. Ich hoffe es für meine Tochter.

  • Sarah
    18 Mai 2017 Antworten

    Man, das klingt ja wirklich spannend. Soviel freier. Soviel angenehmer als in Deutschland. Es stimmt tatsächlich das auch in Deutschland eigentlich nur 3 Ultraschalluntersuchungen vorgesehen sind. Doch ich habe oft das Gefühl, das aufgrund jeder Kleinigkeit, doch noch einer gemacht wird. Weil der Frau hierzulande nicht das Gefühl gegeben wird, dass es normal ist schwanger zu sein, ein Kind zu bekommen. Sondern eher die Angst vorm nicht ganz perfekten Kind geschürt wird. Ab dem Zeitpunkt eines positiven SST. Da freu ich mich direkt zu hören, dass es im Nachbarland so gut läuft und eine Hebamme noch eine Hebamme ist.

  • {et cetera} Ideen für eine entspannte Schwangerschaft  – Plumenkind
    19 Mai 2017 Antworten

    […] als arztgeleitet. An dieser Stelle möchte ich den folgenden Blogbeitrag wärmstens empfehlen: https://oh-wunderbar.de/2017/05/schwanger-in-den-niederlanden-schwangerschaftsvorsorge-im-ausla…. Ich mache die Vorsorge hauptsächlich bei meiner Hebamme und die drei großen Ultraschalle beim […]

  • Happy Guest
    6 Jul 2019 Antworten

    Ein schöner und aufschlussreicher Beitrag.
    Als ich und mein Freund neulich in den Niederlanden waren und unsere Freunde besucht haben, stand das Thema Schwangerschaft und alles um sie herum ganz oben, da ich schwanger bin. Dabei habe ich von der dort lebenden Freundin zum ersten Mal von den Aufgaben einer kraamhulp erfahren und wenige Wochen zuvor in Deutschland bei einem Infoabend für werdende Eltern in einem Krankenhaus, dass die Hausgeburtenrate in den Niederlanden viel höher sei als in Deutschland. Das hat mich richtig überrascht. Seitdem habe ich mich näher für die Unterschiede in den Gesundheitssystemen der beiden Länder interessiert.
    Als ein Arbeitskollege mir noch vor zwei Monaten erzählte, dass sein zweites Kind zu Hause durch eine bewusst gewählte Hausgeburt geboren wurde (in Deutschland!) und über die Reaktion der damals betreuenden Gynäkologin (Unverständnis!) zu dieser Idee, habe ich selbst auch zunächst abwertend und mit Unverständnis reagiert. Denn das klang für mich so unzeitgemäß. Je weiter ich mich allerdings mit diesem Thema beschäftigt habe, desto mehr hat sich meine Meinung darüber geändert. Auch dein Beitrag hier hat dazu geleistet.
    Es scheint doch wirklich verkehrt zu sein, Frauen den Mut abzusprechen, eigenständig eine Leistung zu erbringen, die ihnen von Natur aus gegeben ist. Und diese ständigen Untersuchungen bei dem Gynäkologen haben mich auch immer gestört. Man verliert tatsächlich Vertrauen in sich selbst und eine gesunde Entwicklung des eigenen Kindes, weil einem das Gefühl suggeriert wird, ohne ständige ärztliche Untersuchungen zu Grunde zu gehen, etwas falsch zu machen, sich nicht verantwortungsvoll zu verhalten. Und ganz nebenbei, eine Hebamme in Deutschland zu finden, ist ein Kraftakt. Ich habe keine finden können und erst zum Ende der Schwangerschaft das Glück gehabt wenigstens ein paar Gespräche mit einer sogenannten Nothebamme zu führen – was für Weltenunterschiede das im Vergleich zu den Gesprächen mit dem Frauenarzt waren! Und dabei bin ich zufrieden mit meiner Frauenärztin. Aber die Inhalte und die Dauer der Gespräche mit einer guten Hebamme sind so viel mehr Wert als die mit den Gynäkologen, die, wie alle Ärzte in Deutschland, unter ständigem Zeitdruck stehen, und für die Patienten nicht wirklich Zeit haben.
    Mir werden nun der Stellenwert einer Hebamme und die Schattenseiten unseres Gesundheitssystems in der Schwangerschaft erst richtig bewusst.

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